AKTUELLES





Opa, ich möchte sehen, wo du herkommst.
Heimreise nach Bulkes 2011.

Die Bulkesreisen der Jahre 2006 und 2008 haben ein so großes Echo gefunden, dass es lediglich eine Frage der Zeit war, wann die dritte Heimreise stattfindet. Zu dem, ließen in der neuen Heimat geborenen Nachkommen vermehrt Interesse erkennen, die Heimat ihrer Vorfahren kennen lernen zu wollen.

Die Zeit wurde von der Fertigstellung des Vorhabens von Karl Weber bestimmt, der ein Gedenksymbol neben dem Bulkes Gedenkstein in Maglić erstellen wollte.
Auf einer dreiflügeligen Marmorplatte sind 833 Namen der Bulkeser Toten eingraviert, die von 1944 bis 1948 außerhalb ihres Heimatortes Bulkes ihre letzte Ruhe fanden.
Im Grunde genommen sind es die Opfer der Verfolgung, Vertreibung, Internierung und Deportation nach Russland.
Mit dem Einvernehmen der Gemeindeverwaltung von Maglić, der Spendenfreude der Bulkesern und die Fertigstellung des Gedenksymbols wurde der 11. September 2011 zum Tag der Einweihung bestimmt. Damit stand der Termin der dritten Bulkesheimreise fest.

Nach meinen Informationen ist diese Art Gedenkstein, mit Namen, Geburtsjahr und Haus Nummer der Toten eines donauschwäbischen Dorfes, einmalig in der Batschka. Karl Weber hat die Toten der Bulkeser aus ihren entfernten Ruhestätten symbolisch heimgeholt nach Bulkes, in ihre Heimaterde.

Dir lieber Karl ein großes Dankeschön von deinen Bulkesern. Diese Gedenktafeln aus Marmor werden immer im Zusammenhang mit deinem Namen zu nennen sein.
Danke den Helfern, Willi Bauderer, Otto Harfmann und Fritz Werle, die bei der Umsetzung von Karl Webers Idee ihren Beitrag dazu geleistet haben.


Am 8. September starteten die beiden Busse, der eine von Fußgönnheim und der andere von Karlsruhe. Auf zwei Routen sammelten sie an vorbestimmtem Autobahnstellen an diesem ersten Reisetag 68 Busreisende von 91 gemeldeten Reiseteilnehmern. Die Restlichen 23 kamen mit dem Flugzeug.
Mit einem freudigen Hallo begrüßten sich an den Zusteigestellen Mitfahrer, die schon an den vorherigen Reisen dabei waren. Als privilegierte Mitfahrer konnten sie ihre Plätze im Bus aus den vorhergehenden Reisen wieder einnehmen als wären sie reserviert gewesen.Wer?. In unserem Bus de „Steile Filipp“ aus de Letzschgass mit seim Weib, de „Wenzche“ Jakob Greifenstein mit seim Weib aus dem Neudarf, de „Scharsche“ Heinrich, Weber Heinrich mit seim Miller Mrieche, de Horst Walch aus Magdeburg, Unser Prediger aus Karlsruhe de Hesse Karl, un ich. Bildreporter Günther Greifenstein und Claudia Wahl die Videofilmerin aus Wien nahmen auch wieder ihre Plätze in unserem Bus ein. Obwohl meine Familienangehörige alle mit dem Flugzeug angereist sind, habe ich die strapaziöse Busreise vorgezogen. Während der zwei Tage Anreise wird im Bus Bulkes lebendig: Weischt noch wie mr Spatzenester…, und dart wie mr….warscht du o dabei wie mr….. Erinnerung werden lebendig an das damalige Bulkes. Begebenheiten und Streiche aus der Jugendzeit und Kindheit. Im Bus wird bereits Vergessenes lebendig und fand offene Ohren bei der jüngeren Generation die interssiert waren von Bulkes zu hören.. Zur Auflockerung wurde die eine und andere humorvolle Anekdote, so mancher seriöse Witz zum Besten gegeben.
Das gibt es nur im Bus.

Höchst erfreulich auf dieser Reise die hohe Anzahl von 23 Reiseteilnehmern, der nachkommenden Generation, der in der neuen Heimat geborenen Nachkommen..
Dazu gehörten auch meine zwei Töchter, mein Enkelsohn Bernhard und mein Schwiegersohn Hartmut. Als sie von meinen Reiseplänen erfuhren, ließen sie ohne Umschweife ihre Absichten erkennen mitfahren zu wollen. Für sie wurde es letztlich ein Mitfliegen. Meinem Enkelsohn sagte ich, dass es sich dabei nicht um eine Urlaubsreise handelt, worauf er antwortete:„Opa ich möchte sehen, wo du herkommst“.Ich war stolz auf seine Reaktion und auf die Teilnahme meiner Töchter und meinem Schwiegersohn.
Dazu passend erinnerte ich mich an das Gedicht in der Ausgabe der BHZ Nr. 46 :


                                             Wenn der Opa erzählt von zu Hause“

 

Wenn Opa erzählt von zu Haus,                                 Er spricht ja so gern von der Zeit

Sieht er jung und so fröhlich aus,                                voller Glück- und Seeligkeit.

Dann bin ich ganz mucksmäuschen still,                     Er selber war damals noch klein,

weil ich ihm zuhören will.                                             Und würde gerne zu Hause sein.

                                                      

                                          Seine Heimat sah ich nie,

                                          doch von Herzen lieb ich sie.

                                          Wie schön es dort war, hör ich immer heraus,

                                          wenn Opa erzählt von zu Haus.


Der erste Tag der Anreise endete programmgemäß mit dem Zwischenaufenthalt izur Übernachtung m Airo-Tower Hotel im Außenbezirk Oberlaa von Wien. Erwartet wurden wir schon von einigen unseren Wiener Landsleuten. Wiedersehen feierte ich mit meinem Schulkameraden Heinrich Bauer, der in Wien lebt. Erinnerungen wurden wach an die gemeinsame Leidenszeit im Lager Palanka, wo er Lagerrasierer (Brico) war und ich der Einseifer.

Am Morgen des zweiten Tages, die Wiener Mitreisenden waren zugestiegen, nahmen beide Busse die Fahrt auf mit dem Reiseziel Novi Sad Hotel Park.
Ohne größere Passkontrolle passierten wir die die Grenzen der Euroländer Österreich und Ungarn. Die Langeweile während der langen Fahrt durch Ungarn wurde überbrückt mit Kurzvorträgen, Witzen und Anekdoten vorgetragen von Fahrgästen.
Jürgen unser Busfahrer lenkte zum dritten Mal seinen Fernreisebus nach Bulkes. Obwohl im Ruhestand, lässt er es sich nicht nehmen seine „Bulkeser“ heimzufahren. Diesesmal brachte er wieder seine Marlies mit. Marlies ist die „Stewardess“ an Bord die während der Fahrt aus der Kühltruhe erfrischende Getränke serviert und den Kaffee aufbrüht. Sie trägt bei, dass der Druck in der Blase zunimmt, Jürgen das dieser sich an den Raststätten entleert.

Schließlich erreichten wir die ungarisch/serbische Grenze. Beim Verlassen von Euroland begnügte sich der ungarischen Grenzer im Vorbeigehen mit einem Blick auf unsere Ausweise. Hundert Meter weiter die serbische Grenzkotrolle. Jetzt waren wir Ausländer. Die Pässe wurden eingesammelt und mitgenommen. Es dauerte und dauerte und dauerte. Einer nach dem anderen, der nach uns gekommene Busse, wir zählten 7 bis 8 darunter ein Linienbus Wien nach Belgrad, durften weiterfahren, wir nicht. Schließlich erfuhren wir, dass in den Unterlagen der Busfahrer die grünen Versicherungskarten fehlten.
Nach über einer Stunde Aufenthalt kam endlich per Fax die grüne Versicherungskarte und wir durften nach Serbien einreisen.

Fortan waren unsere Blicke nach draußen gerichtet. Schon bald lag vor uns die Ebene der Batschka die unendliche Weite mit dem nicht enden wollenden bis zum Horizont reichenden Blick. Rechts und links der Strecke braun gefärbte Maisfelder, dazwischen umgepflügt die schwarze Erde der Batschka.
Jürgen holte die an der Grenze verlorene Zeit auf der ausgebauten Fernstraße nahezu ein, als er bei Novi Sad die Ausfahrt verpasste. Das Umkehren verzögerte erneut unsere Ankunft, sodass wir erst um 18,30.Uhr vor dem Hotel von unseren Fliegern erwartet wurden.Es blieb verdammt wenig Zeit zum Einquartieren und Frisch machen für das um 19 Uhr angesetzte Fischpaprikaschessen in Begeč an der Donau. Bei unserer Ankunft in Begeč war es bereits dunkel, von unserem überdachten Freisitz in der Csarda konnten wir die ca. 30 Meter entfernt fließende Donau nur im Spiegel des Mondes sehen.
Gesättigt von dem Fischpaprikasch und müde von der langen Busfahrt ging der zweite Tag der Reise im Bett des Hotels Park zu Ende.

Die Gedenkstunde in Jarek am dritten Tag der Reis fand an der Stelle statt, an der auch die für Jarek vorgesehen Gedenkstätte errichtet werden soll. Das Bulkeser Kreuz wurde von der in der Vergangenheit in der Nähe einer Schutthalte aufgestellten Stelle, hierher gebracht und auf einen Erdaufwurf gesteckt. Dieser neue Ort soll sich angeblich in der Nähe der Massengräber befinden.

Bei bereits um 10 Uhr herrschten hochsommerliche Temperaturen, wurden unter beschwerlichen Bedingungen die Gedenkstunde mit Reden und dem geistlichen Teil von Karl Weber abgehalten. Zwischenzeitlich suchte auch ich einen in der Nähe stehenden Schatten spendete Baum auf.

Nach der Beendigung der Gedenkstunde überraschte uns der Bürgermeister von Jarek mit seiner Einladung zu einem Empfang im Rathaus.

An der Türe zum Saal stand ein Mann, der die Gäste einzeln in den Saal winkte als wollte er sie begrüßen. Als ich dran war, sagte ich ihm auf deutsch, in der Erwartung, dass er deutsch nicht versteht, „Bei einem Empfang gibt es aber Raki“. Darauf antwortete er „bidje, bidje“, es gibt, es gibt. Das bidje nicht ernst nehmend, nahm ich in der hinteren Reihe des Saales Platz. Als dann nach meinem Erstaunen reihum Raki gereicht wurde, nahm ich mir selbstverständlich auch einen vom Tablett. Also doch bidje .Mein Erstaunen ließ mir die Röte ins Gesicht steigen, als uns der „Türsteher“ als Bürgermeister von Jarek begrüßte. Also hatte ich den Bürgermeister von Jarek aus Spaß ungewollt zum Ausschank von Raki provoziert.

Ob die überaschende Einladung des Jareker Bürgermeisters ein Umdenken bedeutet, doch noch Genehmigung der Gedenkstätte in Jarek zu erteilen, wird die nahe Zukunft zeigen. Oder ist sie zurückzuführen auf die Tatsache, dass der Vater des Bürgermeisters von Jarek als Ungar zeitweise auch in Jarek interniert war.

Den zur freien Verfügung stehenden Nachmittag nutzen die meisten für eine Fahrt nach Maglić. Von unserer Reiseleitung angekündigt, hat das Restaurant in Maglić geöffnet und bietet ein Essen an. Da es Mittagszeit war, setzten sich alle an die gedeckten Tische und warteten auf das Essen. Getränke wurden aufgetragen, auf das Essen warteten wir vergebens.

Das Missverständnis zwischen unserer Reiseleitung und dem Restaurant kostete uns wertvolle Zeit, die uns zu einem ausgiebigen Rundgang durch Maglić verloren ging.

Als Teilnehmer einer Reisegesellschaft mit vorgegebenem Programm bleibt oft wenig Zeit zur individuellen Verfügung. Diesesmal bedauerte ich das ganz besonders, da ich meinen Angehörigen mehr von Bulkes zeigen wollte. Nachdem von Hausbesuchen abgeraten war, führte ich meine Angehörigen in die Letzschgass um unser ehemaliges Haus herum. Hinein gingen wir nicht.

Zu schnell verging die Zeit, wollte man das um 19 Uhr angesetzte Abendessen im „Aroma“ in Petrovac nicht versäumen. Kämpften am Vorabend manche beim Fischpaprikaschessen mit den kleinen Gräten, so konnte man an diesem Abend bedenkenlos auf verschiedene Fleischsorten auf der prall gefüllten Platte zugreifen.

Der Tag endete wie alle andern, in unserem Domizil dem Hotel Park in Novi Sad.





Der vierte und letzte Aufenthaltstag galt in Bulkes der Einweihung des Gedenksymbols. Es wurde der emotionale Höhepunkt der Bulkesreise.

Die Busse brachten uns aus Novi Sad auf den Kirchplatz nach Maglić. Wir nutzten die seltene Gelegenheit, einen Blick in die geöffnete Kirche zu werfen. Das Innere der Kirche gleicht noch immer einer Baustelle. Die Stützbalken, welche die Zwischenböden zur Zeit als die Kirche Lager für landwirtschaftliche Produkte war, ragen noch immer in das Kirchenschiff.

Ein grausamer Anblick für alle die das Kircheninnere kannten als sie noch religiösen Zwecken diente.





Wird die Kirche im Rahmen der Rückführung des kirchlichen Eigentums in das Eigentum der evangelischen Kirche überführt, ist zur Zeit die Absicht geplant, sie als Museum für die Geschichte der Donauschwaben in der Vojvodina zu nutzen. Auch nur ein Traum! Schön wäre die Wirklichkeit.

In dem von der orthodoxen Kirche nicht mehr genutzten Vorraum hielt Karl Weber, der Prediger aus Karlsruhe, von der ungarischen Blasmusik umrahmt, eine Gedenkandacht statt. Die Verpflichtung der ungarischen Blasmusikkapelle von Karl Weber Fußgönheim war als Überraschung gedacht und sollt im weiteren Verlauf eine große Rolle spielen.

Anschließend brachten uns die Busse zum Festakt der Einweihung des Gedenksymbols an unseren ehemaligen Friedhof.

Die Feierstunde moderierte Rajko Perić, der Bürgermeister von Maglić. Zu der großen Anzahl von prominenten Ehrengästen begrüßte er u.a. Frau Manić in Vertretung des Parlamentspräsidenten der Vojvodina Herrn Egereszi, Frau Marschall Kulturattaché der deutschen Botschaft in Belgrad, den Bürgermeister von Petrovac, den Präsidenten des deutschen Nationalrates in Serbien Herr Mandler, Josef Jerger als Vertreter des Bundesvorsitzenden der Donauschwaben.





Alle Reden ob in Deutsch oder Serbisch wurden jeweils in die andere Sprache übersetzt. Karl Weber gedachte der Toten, die er mit dem Gedenksymbol nach Bulkes heimgeholt hat. Er dankte dem Gemeinderat von Maglić, der dies mit seiner Zustimmung erst möglich gemacht hat.Eine Grußbotschaft aus der Patenstadt von Bulkes aus Kirchheim/Teck von der Oberbürgermeisterin Frau Matt-Heidecker hat Otto Harfmann vorgelesen.



Nachdem die Hülle das Gedenksymbol freigegeben hatte, setzte sich von einem Trauermarsch begleitet, ein Trauerzug bestehend aus den 23 Nachkommen vom äußeren Rand des Veranstaltungsrundes zum Gedenksymbol in Bewegung. Voran die Träger der Kränze gefolgt von den Trägern/innen roter Stielrosen. Das Stielende der Rosen war in einem Plastikröhrchen mit Wasser gefüllt die das Einstecken in ein Stereporpack am Sockel der Tafeln ermöglichte. Nach dem der Trauerzug die Kränze niedergelegt und die Rosen gesteckt hatte, durfte jeder der Anwesenden soviel Rosen wie er wollte an das Fußende an beliebiger Stelle der Tafeln einstecken. Auch ich holte vier Rosen. Drei steckte ich auf die Seite der Jarek Tafel für meine zwei Großmütter und meine kleine Schwester. Eine trug ich auf die Tafel Antrazit für meine Mutter.





Einfühlsame Trauermelodien erzeugten eine nicht zu beschreibende ergreifende Atmosphäre, welche seelische Spannungen löste und zu ungehemmtem Tränenfluss führte.

Niemand schämte sich seiner Tränen. Eine Beerdigung, wie ich sie noch nicht erlebte.

Eine Frau in meiner Nachbarschaft bemerkte Tränen wischend:
"Was braucht ihr Bulkeser noch Jarek, ihr habt jetzt eure Toten hier in Bulkes“.


Im wilden Gestrüpp unseres ehemaligen Bulkeser Friedhof suchten wir die von Urgroßvater 1917 für seine männlichen Nachkommen erbaute Gruft. Schließlich konnten wir an dem Abdruck der letzten noch erkennbaren Buchstaben das Fundament der Gruft identifizieren.

Zum anschließenden Mittagessen setzte sich Milan Pilipović an meine Seite. Ein Maglićer Freund aus 2001. Damals als wir zu acht, ich zum ersten Mal nach 1944, Maglić besuchten, organisierte Milan die damals komplizierte Besuchsregelung. Wärend unseres Aufenthaltes war er und der zwischenzeitlich gestorbenen Duzan auf Schritt und Tritt unsere Begleiter.
Milans Gratulation zu meinem Geburtstag trifft jedes Jahr pünktlich ein.
Als wir aufbrachen, damit ich meinen Angehörigen das Haus meiner Kindheit zeigen wollte, hatte Milan Zweifel, ob die Hauseigentümerin zu Hause ist. Wie damals 2001 war Milan zur Stelle und begleitete uns in Abwesenheit der Hauseigentümerin auf dem Hausgrundstück. Teile des Wohnhauses wurden abgetragen und durch einen Anbau ersetzt.
Meinen Angehörigen konnte ich die ursprüngliche Bebauung und Verwendung des Vorder- und Hinterhofes unseres Bauernhauses anschaulich beschreiben.
Mein Enkelsohn Bernhard konnte sehen, wo der Opa seine Kindheit verbrachte und woher der Opa kommt.
Wärend des Aufenthaltes befreundete er sich mit dem Enkelsohn unseres in Petrovac lebenden Landsmannes Fritz Werle, mit dem er heute in ständigem Email Austausch steht.

Den letzten Abend saßen wir in Gruppen auf der Terrasse des Hotels und ließen die Ereignisse des Tages nochmal Revue passieren.
Auf dieser Reise hat meine Tochter ihre Ur-Ur-Ur-Urgroßnichte kennengelernt. Beide wollen sich zum Bulkeser Treffen im Mai 2012 in Kirchheim/Teck wieder treffen. Von wegen die Bulkeser sterben aus, wo sollen sie sich anderswo treffen als auf dem Bulkeser treffen.

Schon bald galt es am nächsten Morgen Abschied von den Flugreisenden zu nehmen, denn der Bus trat schon früh die zweitägige Heimreise an. Die Verarbeitung der letzten Tage wurden auf der Fahrt von Novi Sad bis Wien abgelöst von lustigen Einlagen, von Bernie Sander und Günter Greifenstein.

Nach jedem meiner bisherigen vier Besuche in Maglić, bleibt am Ende die Erkenntnis, dass dies der letzte Besuch in meinem Geburtsort war. Wie in der Vergangenheit so wird es auch jetzt wieder kommen, je länger der Abstand vom letzten Besuch, desto größer wird die Sehnsucht zur alten Heimat.

Heimat ist, wie die Mutter. Die zweite Heimat, wie die Stiefmutter.

Verfasst: Kirchheim/Teck im November 2011

Hoffmann Heinrich








Maglic-Reise im September 2011
Reisebericht von Sibylle Hoffmann-Zeller (Jahrgang 1961) 3. Tochter des Heinrich Hoffmann (Haus 236/237)

Viele Wochen nach unserer Reise, viele Wochen, in denen ich um meine Mutter gebangt habe und am 20. November von Ihr Abschied nehmen musste, finde ich die Zeit und Ruhe, meine Gedanken während meiner Maglic-Reise festzuhalten.

Ich startete die Reise mit dem Flugzeug nach Belgrad. Schon während des Fluges kreisten meine Gedanken um die mir bevorstehenden Tage in der Heimat meines Vaters.
Es war meine erste Reise nach Maglic, ich war also völlig unbedarft und ohne Erwartungen, was mir der Aufenthalt und die Begegnungen geben könnten bzw. geben werden.
Viele Geschichten hatte ich zeit meines Lebens von meinem Vater und meinem Opa erzählt bekommen. Seit meiner frühesten Kindheit hat sich in meinem Kopf ein Bild von Bulkes eingenistet. Wird die Realität diesem Bild standhalten, was wird in mir ausgelöst, wenn ich vor dem Haus meiner Ahnen stehe?

Offen für das, was da kommen sollte, traf ich die ersten Bulkeser nach Ankunft auf dem Flughafen. Ich kann nicht sagen, was es war, an was ich die "Landsleute" erkannte, aber wir liefen sofort zielstrebig aufeinander zu, um uns zu begrüßen. Und völlig anders als bei anderen "Gruppenreisen" fühlte man sich sofort zusammengehörig, kein "Fremdeln" war zu spüren und bei dem einen oder anderen händeschüttelnden "Ich bin die Tochter vom Hoffmanns Heinrich Haus Nr. 236" erfuhr ich schon eine Geschichte aus der Jugend meines Vaters - sofort hatte ich das Gefühl mein Gegenüber schon länger zu kennen.

Im Bus nach Novi Sad - spärlich besetzt - ergaben sich die ersten tiefergehenden Gespräche. Gespräche, die mir schon zaghaft die ersten Fenster der Vergangenheit öffneten.
Ein Überlebender des Lagers Jarek erzählte mir, dass auch er das erste Mal dabei sei - sich zeitlebens gescheut hatte eventuelle schlechte Erinnerungen hochkommen zu lassen - und nun in angespannter Erwartung den Tagen entgegen blickte.
Nach der Ankunft im Hotel, und einem gemütlichen Kaffe auf der Hotelterrasse kamen endlich die lang ersehnten Busse an. Was habe ich mich über die Ankunft gefreut.
Eine wirklich herzliche Begrüßung meiner Verwandten, jedoch auch der mir bis dato fremden Personen.

Am Abend eine beeindruckende Kulisse an der Donau. Alle 90 Reisenden unter einem Runddach zusammen bei Fischpaprikasch. Wer spätestens hier kein "WIR-Gefühl" bekommen hat, ist zu bedauern. Meine Erwartungen an die Reise steigerten sich, ich wurde neugierig, gespannt, wißbegierig, aufgeregt.

Während den nun immer wieder stattfindenden Busfahrten, im jetzt sehr vollen Bus, habe ich das erste Mal verstanden, warum mein Vater die lange 2-tägige Reise mit dem Bus auf sich nahm und nicht bequem mit dem Flugzeug anreiste. Bis dahin erntete er bei mir blanke Unverständnis über diese aus meinen Augen "Plagerei".

Wie soll man diese Stimmung im Bus in Worte fassen?
Trotz der Strapazen (Hitze, Termindruck, volles Programm) waren die Businsassen immer gut gelaunt. Kein einziges Meckern oder Jammern. Und nicht nur das, es wurden Geschichten erzählt, Witze gemacht, Gedanken ausgetauscht.
Die Stimmung riß jeden mit und verkürzte die Fahrten zwischen den Veranstaltungsorten, ließ ein jedes Mal an Geschichten reicher aussteigen als man eingestiegen ist.

Ich verstehe jetzt, warum so viele so gerne mit diesem Bus 2 Tage reisen, denn der Weg ist das Ziel!

Die Gedenkstunde in Jarek hat mich trotz aller Hitze sehr beeindruckt.
Ein erstes Verstehen, der in meiner Kindheit gehörten Geschichten begann. Ein erstes Begreifen warum Menschen nach vielen Jahrzehnten immer noch in Tränen ausbrechen können ob dem Tod ihrer Angehörigen, hat dort eingesetzt.
Die Überlebenden des Lagers, die sich während der Andacht aufgestellt hatten, lösten in mir das Bild aus, mir die 600 in diesem Lager umgekommen dahinter stehend vorzustellen. Die Menge zu sehen, die es nicht geschafft hatte.
Und nicht nur das, sondern unter jämmerlichen Umständen, menschenunwürdig zu sterben wie auch beerdigt zu werden, ließ das Fenster in die Vergangenheit weiter öffnen.
Was diese Menschen ausgehalten haben, aushalten mußten, da konnte es für mich keine Frage sein 30 Grad im Schatten auszuhalten.
Die Landschaft die sich mir bei den Fahrten zeigte lies mich verstehen, was Ebene heißt. Das eine ist es, vom Vater zu hören bei uns gab es kaum Berge, das andere ist es das flache Land zu sehen, sich mittendrin zu befinden, und sich dabei vorstellen zu können, wie der Pferdekarren auf den Sallasch gefahren ist. Ich sah ihn fahren...

Dann die erste Fahrt nach Bulkes, nur mal zum Schnuppern- noch kein offizieller Akt.
Ich stand vor dieser "Kerch", deren Bild aus meinem Leben nicht wegzudenken ist.
Mein Opa hatte das Gemälde der Kirche mitten im Wohnzimmer sehr prägnant aufgehängt. Und jetzt stand ich vor dieser Kirche! Sah sie mit 50 Jahren das erste Mal!
Es war schon ein ergreifender Moment und zeitgleich ein Bedauern, dass mein Opa das nicht mehr erleben konnte. Ich glaube er hätte sich sehr gefreut, mich dort stehen zu sehen! Trotz des jämmerlichen Zustands der Innenräume war es schön am nächsten Tag durch die Türen, in den Raum, auf die Empore zu laufen, in denen mein Vater als junger Bub und Konfirmand stand. Auch dies lies mich seiner Jugendzeit näher kommen.

Im Gasthaus neben der Kirche hatte ich das Gefühl, wie wenn ich eine Zeitreise machte. Der große Saal, die langen Tische, gedeckt und voll mit Leuten besetzt. So mußte es früher bei Familienfeiern gewesen sein. Als am Sonntag dann noch die ungarische Kapelle spielte und Otto einen flotten Tanz aufs Parkett legte, war die Vergangenheit schon fast mit der Realität verwischt.

Und dann endlich standen wir vor dem Haus, in dem mein Vater seine Kindheit verbracht hat, mein Opa mir soviel Geschichten erzählt hat. Das Haus an sich, durch Umbauten verändert, lies wenig an Vergangenheit erwecken. Umso mehr jedoch der noch erhaltene Säulengang, der Garten, die Ställe. Hier konnte ich mir gut vorstellen, wie der Alltag sich abgespielt haben könnte. Sobald ich parallel die Geschichten meines Vaters hörte, wurde die Vergangenheit immer lebendiger. Es begann sich was abzurunden, das seither unverknüpft in meinem Kopf lag. Es überkamen mich keine große Emotionen an dieser Stelle zu stehen, aber eine große Dankbarkeit hier stehen zu dürfen.

Mein Vater zeigte uns die Plätze seiner Jugend, die Wege die er ging, die Häuser die er kannte und besuchte - unendlich viele Geschichten, die in so kurzer Zeit gar nicht zu bewältigen sind.

Ich denke nicht, dass es unser letzter Besuch war!

Die offizielle Gedenkstein-Enthüllung am Sonntag in Bulkes - ein berührender Moment. Wieso mussten wir - die Nachkommen - die dieses Elend nicht miterlebt hatten weinen? Ich kann es nur für mich beantworten - nicht für die vielen anderen, die gerührt waren. Ich hatte das Gefühl auf der Beerdigung meiner Ur-Oma, Oma und meiner Tante zu sein.
Ich war gerührt, diesen drei Menschen, die ich nie kennenlernen durfte, eine würdevolle Beerdigung zu bereiten. Darüber hinaus, mich Ihnen vorzustellen und ihnen eine Rose zu schenken. Ihnen zu versprechen sie nie zu vergessen und immer wieder in meinem zukünftigen Leben an diesem Gedenkstein vorbeizukommen.

Diese Reise war eine große Bereicherung für mich. Man musste gar nichts tun, nur die Ohren ganz groß aufmachen um die vielen Geschichten zuhören.
Lustige Begebenheiten, historische Zusammenhänge, höchst tragische Erlebnisse.
Aus dem "Skelett" Bulkes, das sich in 50 Jahren bei mir zusammengestellt hat, ist das "Fleisch" drum herum dazu gekommen. Noch lange nicht vollendet, das wird es wohl nie. Aber einen großen Schritt weiter. Und wenn sich mir die eine oder andere Frage aufgetan hatte, und ich jemanden bat sie mir zu antworten, jedoch selbst nicht genau den Zusammenhang kannte sagten sie: "Ja, frag doch deinen Vater, der weiß alles" - und das hat mich sehr mit Stolz erfüllt.

Ich danke meinem Vater für diese Reise, meiner Schwester Gabriele, dass sie auf die Reise wegen des Gesundheitszustandes unserer Mutter verzichtet hatte und ich dafür mitkonnte,
und den Organisatoren, die einen solchen Verwaltungsakt mit 90 Teilnehmern so gut gemeistert haben.

DANKE




Bulkes/Maglic aus Sicht der Nachkommen


… ein Bericht von Bernie Sander zur Heimat - Busreise 2011



Die Vorgeschichte

Ich hatte das große Vorrecht als Begleitperson meiner Mutter auf der 3ten Busfahrt nach Bulkes im September 2011 teilzunehmen. So dass alle Leser wissen wo sie mich einordnen können: Hauge Jaksch und Kendl Gretches Sohn.

Es ist eine Ehre durch die Augen der Eltern ihre ehemalige Heimat zu sehen und kennen zu lernen. Dies ist ein einmaliges Erlebnis dass man nur so mitbekommen kann.

Schon als kleine Kinder sind wir mit Geschichten aus Bulkes aufgewachsen. Mama und Papa sind in 1951 nach Kanada ausgewandert und Mamas Eltern, so auch ihre Großmutter sind mitgekommen. Für sie drehte sich die Welt weiter um ihr Bulkes. Mit den vielen anderen Bulkeser Auswanderern … manche sogar aus den 1920er … gab es regelmäßige Treffs wo immer wieder von Letzter bis Erste Gaß alle Strassen und Häuser neu begrüßt wurden.

Bulkes, ein stiller Ort der panonischen Ebene, hatte keine Brücken nötig. Doch jeder Bulkeser dort geboren, baute irgendwann in den letzten 60 Jahren, in Gedanken Brücken, von der neuen Heimat dorthin wo einst seine Wiege stand; dorthin wo einst sein zu Hause war. Unsere Eltern und Großeltern gingen auf diesen Brücken in Gedanken oft hin und zurück ... unter anderem auch, aus der reichen Lebenserfahrungen von damals Ihr Heute zu gründen.

Wir Nachkommen

Es war beeindrückend für mich wie wir Nachkommen zusammen gelacht, geweint, uns umarmt und kennen gelernt haben. Eine sonderbare Ehre war es aufgefordert und eingeladen zu werden an der Kranzniederlegung teilzunehmen. Wir alle erkannten Namen unsrer Verwandten die dort schrecklich um ihr Leben kamen. Die ganzen Namen auf Papier zu sehen und dann den Lagerort in Jarek zu besuchen war mitreißend … aber an dem Denkmal uns zu umarmen und mit unsren Eltern in dieser würdigen Feier zu sein, ist eine Momentaufnahme die uns alle lebenslang bewegen wird.

Wir, die Nachkommen, haben solche Erinnerungen an unsre Jugendzeit nicht. Solche Schicksale mussten wir nicht erleben. Auch diese Geschichten wie es daheim war fehlen uns. Es ist halt eine andere Zeit, eine andere Welt, ein anderes Tempo. Ich mache hier kein Kommentar - besser oder schlechter, sondern möchte nur aussagen dass wir so eine intime, vertraute and geprägte Heimat nie hatten, die wir so nahe an uns bis ins hohe Alter tragen.

Deswegen ist es für mich wichtig zu versuchen zu verstehen wie es damals war und die Geschichte näher kennen zu lernen. Unsre Geschichte ist dort verwurzelt und wer seine Wurzeln nicht kennt, dem fehlt ein großer Teil seines Daseins.

Es ist auch unser Bulkes

Welchen Bezug schaffen wir uns zu dieser ehemaligen Heimat unsre Eltern? Dies ist für mich eine wichtige Frage, die bestimmt viele der Nachkommen auch teilen. Und wie wird dieser Bezug in 10 Jahren, in 20 Jahren aussehen?

Nicht ein jeder Nachkomme kann mit seinen Eltern nach Bulkes. Es gibt auch viele andere Arten und Weisen sich diesen Bezug zu schaffen, z.B. Erfassung der Erzählungen unsrer Eltern auf DVD oder in Buchformat, Familientreffs wo diese Geschichten unsrer Vorväter weiter leben, Spenden für den Erhalt von Heimatmuseen usw.

Wir, meine Schwester und ich, waren in 1998 zum ersten Mal zusammen mit meiner Mutter Bulkes besuchen und haben damals schon eine Herzlichkeit und Offenheit gegenüber uns als ehemalige Bürger empfunden.

Die Ansprechpartner in Maglic sind auch Nachkommen. Sie sind in unserem Alter und werden, wenn es gewünscht ist, mit uns die nächsten Brücken bauen. Neben dem Erhalt des Friedhofs und den Gedenktafeln, und der Kirche als Symbol der Ortschaft und als zukünftiges Museum, müssen weitere gemeinsame Projekte konzipiert werden. Hilfe zur Selbsthilfe. Ich freue mich mit den Nachkommen der Erlebnisgeneration diese Gespräche zu führen.

Zusammenfassung


Es war auch ein besonderes privates Anliegen eine Gedenktafel an der Sander-Haug Mühle anzubringen. Diese schlichte Messingtafel wurde während unsrer Busfahrt angebracht und in einer stillen Feier im kleinen Familienkreis wertgeschätzt.

Für mich ist und bleibt Bulkes-Maglic wichtig und ein Ort wo ich gerne wieder hinkommen werde.

Ich bin dankbar an dieser Busfahrt teilgenommen zu haben.

Bernie Sander
Innovation Transfer Inc.
www.pit-stop24.com
bsander@innovationtransfer.com
Oktober 2011




Reise der Erinnerungen 2008


Nach dem guten Reiseverlauf 2006 und dem herzlichen Empfang in Backi Maglic, organisierte der Bulkeser Heimatausschuss eine vom 18. bis 24. September 2008 eine zweite Heimatreise nach Bulkes. Dieses Wiedersehen mit den Bulkesern nahm die Gemeindeverwaltung von Backi Maglic zum Anlass, einen schon seit längerer Zeit in Planung befindlichen Gedenkstein zur Erinnerung an die Bulkeser auf ihrem ehemaligen Friedhof zu erstellen und diesen, gemeinsam mit den Bulkesern einzuweihen. Neben diesem für uns Bulkeser ehrenvollen Termin stand die Teilnahme der Einweihung der Gedenkstätte in Sremski Mitrowica sowie, eine Andacht in Jarek für unsere dort Verstorbenen auf dem Programm.
Als Teilnehmer der Busreise möchte ich in meinem Bericht meine persönlichen Erlebnisse, Begegnungen und Eindrücke wiedergeben. Der Reiseverlauf im Detail ist nicht Inhalt meiner Beschreibung.
Um es gleich an den Anfang meines Berichtes zu stellen, die Reise war bis ins Detail geplant und zur höchsten Zufriedenheit aller Teilnehmer verlaufen. Besser kann ein etabliertes Reiseunternehmen seine Reisenden nicht betreuen. Ein großes Dankeschön vor allem an Karl Weber, Fußgönnheim, seinen Vize Otto Harfmann und Willi Bauderer. Danke sagen möchte ich unseren erfahrenen Fernreise-Busfahrern. Mit viel Feingefühl wussten sie, wann und wo eine Pause nötig ist, damit wir unsere Wasserstände kontrollieren konnten. Eine so weite Busfahrt, zwei Tage An- und eine eben solange Rückfahrt ist anfangs schön, kann aber im Laufe der Zeit für uns älteren Generationen zur Strapaze werden. Am darauffolgenden Tag meiner Rückkehr, lief ich vom vielen sitzen bucklig durch den Alltag.
Am 18. September kam der Fernreisebus von Karlsruhe und sammelte auch uns Kirchheimer ein. Im weiteren Verlauf der Fahrt Richtung Süden nahm die Zahl der Reiseteilnehmer mit jedem weiteren Halt, mit dem Bulkeser und ihr Anhang eingesammelt wurden, zu. Nach dem Zusammentreffen mit dem zweiten Bus, der auf einer anderen Route Bulkeser mit dem gleichen Ziel einsammelte, steuerten wir die vorgesehenen Zwischenübernachtungen am Neusiedler See an.
Der nächste, zweite Tag der Reise, sollte die zwischenzeitlich in zwei Bussen auf etwa 85 Personen angewachsene Reisegesellschaft durch Ungarn nach Novi Sad, der Provinzhauptstadt der Vojvodina, ins Park Hotel bringen.
Nach den Verzögerungen beim Grenzübertritt nach Serbien wegen fehlenden Einreiseunterlagen, steigerte sich mit jedem Kilometern dem wir uns der Batschka näherten das Reisefieber. Auf einmal war sie da. Die weite Ebene, nein die unendliche weite Ebene, die eben wie mit einem Bleistiftstrich am Lineal gezogen, am Horizont aufhört. Die schwarze Erde an den vorbeihuschend umgepflügten Äckern, noch so vertraut als könnte man sie durch die geschlossenen Fenster des Busses riechen. Heimaterde. Gibt es sie!
Sallaschhäuser, die 1895/96 nach der Landreform auf den vom Dorf weit entfernten zusammengelegten Äckern als neue Siedlungsform entstanden, sind keine zu sehen. Sie standen, unbenutzt, wohl der großen flächendeckenden genossenschaftlichen Arbeitsweise im Wege. Ungewohnt auch der Anblick der großflächigen "Kukruzfelder" (Maisfelder). Folge der genossenschaftlichen Arbeitsweise in der "Zadruga", der serbischen Ausgabe der sowjetischen Kolchosenwirtschaft. Kukruzbreche tut anscheinend auch niemand mehr. Der Kukruz wird, die bereits abgeernteten Kukruzfelder lassen dies erkennen, mit Kolben und Stängel auf dem Feld mit Maishexler geerntet und später als Silage verfüttert. Und was bekommen die Schweine, wenn nicht Kukrzukerne oder dem aus ihnen gemahlenen Schrot! Und mit was heizen die im Winter ihre Öfen wenn nicht mit Kukruzstängel, den Kessel um Wasser zu erwärmen wenn nicht mit "Starze", den Wurzeln des Kukruzstängels! Zugegeben, auch an uns währe die Zeit der vergangenen 60 Jahre nicht spurlos vorüber gegangen, auch wir hätten uns der strukturellen Weiterentwicklung der Landwirtschaft anpassen müssen, wenn, ja wenn sie uns nicht fortgejagt hätten. Aber interessieren würde es mich doch. Vielleicht das nächste Mal. Vielleicht! Gedanken im Bus auf der Fahrt durch die Batschka nach Novi Sad, Erinnerungen an die Zeit, als wir noch Batschkaer waren.
Welche Gedanken und Erwartungen an die Reise haben die Generationen der Reisegruppe. Für viele der Erlebnisgenration sollte es eine Reise in die Vergangenheit sein, Erinnerungen wachrufen an die unbekümmerte Jugendzeit, für einige soll es auch die letzte Reise in die unvergessene alte Heimat sein. Manchen stellt sich die Frage, wie kann man die Berührungsängste überbrücken, um mit den jetzigen Bewohnern in "unserem" Haus ins Gespräch zu kommen. Wer den sie uns in das Haus überhaupt hereinbitten! In welchem Zustand befindet sich das Haus!
Ganz andere Gedanken haben die in Deutschland und Österreich geborenen mitreisenden Angehörigen der Erlebnisgeneration. Sie wollen endlich das bereits aus vielen Erzählungen zum Sagenumwobenen, ja für manche zum Mythos gewordene Bulkes kennenlernen.
Am nächsten Tag dem dritten Reisetag und ersten Aufenthaltstag in Novi Sad, war die Fahrt durch die Fruschka Gora zu der Teilnahme der Einweihung des Denkmals in Sremski Mitrovica auf dem Programm. In dem berüchtigten und gefürchteten Lager "Svilara" (Seidenspinnerei) starben 16 Bulkeser im Alter zwischen 45 und 60 Jahren. Die zu solchem Anlässen üblichen Reden wurden von Abgesandten der Botschaften der Bundesrepublik Deutschland und Österreich, dem Bürgermeister von Mitrovica sowie von Funktionären verschiedenen landmannschaftlichen Organisationen gehalten. Anschließend fand eine Besichtigung der "Svilara" statt.
Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski, selbst zu Zwangsarbeit in Sibirien verbannt, sagte aus seinen dort gemachten Erfahrungen: "Ist Gott tot, dann ist alles erlaubt." Das kommunistische und das nationalistische System hat Gott abgeschafft und an seine Stelle die Partei gesetzt. Den Machtausübenden war alles erlaubt. In ihrer Herrlichkeit entschied die zur Faust gemachte Hand mit dem nach oben oder unten ausgestreckten Daumen, zwischen Leben oder Tod. Das war in Stalins Gulag nicht anders als in Hitlers Internierungslagern und Titos Arbeits- und Vernichtungslagern.


Die Einweihung der Gedenkstätte in Sremski Mitrovica

Am Spätnachmittag brachten uns die Busse nach Jarek, wo wir an dem vor zwei Jahren errichteten Kreuz für unsere im Lager Jarek gestorbenen Angehörigen eine Andacht hielten. Ein Vertreter des Bürgermeisters von Jarek nahm an der Andacht teil.
Beendet wurde dieser Tag, wie jeder der Aufenthaltstage in Novi Sad, mit dem gemeinsamen Abendessen in einem für uns reservierten Saal im Hotel Park. Ein Hotel, von unseren Organisatoren schon im Vorfeld gepriesen, der Spitzenklasse. Am Ende einer breiten lange nach oben führenden Eingangstreppe und dem Verlassen der Drehtüre, eine mächtige Empfangshalle. Zahlreiche Sitzgarnituren aus feinem Leder, an den Seiten in den Nischen die Bars führte ein roter Teppich zur Rezeption. Die Zimmer geräumig mit Klimaanlage, natürlich mit Minibar und Dusche und einer detaillierten Ausstattung, schufen eine angenehme Atmosphäre. Mir hat es gut gefallen. Zu schade, um nur zu schlafen. Offensichtlich hat die Küche noch wenig Erfahrung bei der Essensausgabe für 70 bis 80 Personen.


Beilagen, wie Kartoffeln, kamen kalt auf dem Teller auf den Tisch. Dafür entschädigte das Frühstücksbuffet. In einem großzügigen und umfangreichen Angebot, auch an Regionalem, war gewiss für jeden Geschmack etwas dabei. Besonders und immer umlagert, der Koch mit der roten Mütze am Omlettstand.


Na ja, auf das Warten auf den Aufzug war für die im siebten Stock Wohnenden zeitweise ein Geduldsspiel. Wollen jedoch 70 bis 80 Personen zur gleichen Zeit mit zwei Aufzügen befördert werden, ist der Stau vorprogrammiert. Unsere Reiseorganisatoren hatten mit der Wahl des Hotels Park einen Volltreffer erzielt.


Der nächste Tag, der Sonntag dem 21. Sept. sollte mit der Einweihung des Gedenksteines in Maglić der Höhepunkt der Reise sein. Er wurde es auch.


Auf der Fahrt zum Kirchplatz in Höhe der Letzt Gass wurden wir bereits auf einem großen Plakat herzlich willkommen geheißen. Ich schloss mich freiwillig der kleinen Gruppe an, welche den orthodoxen Gottesdiens in der Vorhalle unserer Kirche besuchte. Der Pope begrüßte uns in seinem gesungenen Gottesdienstablauf.

Etwas später erklärte er in Worten seiner kleinen Schar Maglicer Gottesdienstbesucher, die uns nicht sehen konnten, den Anlass unseres Besuches in Maglic. Nach etwa 30 Minuten verließen wir wieder den Gottesdienst, um pünktlich zu der um 10 Uhr anberaumten Einweihung des Gedenksteines auf dem Bulkeser Friedhofes zu sein.



Unter den erschienen Maglicer Bürgern traf ich alte Freunde, die ich vor sieben Jahren bei meinem ersten Maglicbesuch kennenlernte. Wir waren mehrere Bulkeser, die mit dem Pkw in der Zeit angereist waren, als Serbien vorsichtig begann, seinen Vorhang nach Westen zu öffnen. Zu dieser Zeit erfuhr man in Deutschland, dass die serbische Bevölkerung über unser Schicksal von staatlicher Seite irreführend informiert war. Die, welche die Wahrheit kannten, aus Angst vor Repressalien schwiegen. Nicht alle Landsleute sahen die damals aufgenommenen ersten Kontakte mit den Bewohnern unseren ehemalige Häuser mit Wohlwollen.
Mit der Errichtung des Gedenksteines geht mein schon lange insgeheim gehegter Wunsch in Erfüllung. Für mich war es unerlässlich das wir, aus dem Land vertrieben das unsere Vorfahren einst der Steppe abgerungen, nachfolgende Genrationen kulturell geprägt haben, Spuren zu hinterlassen haben die dies bekunden und auf unsere einstige Anwesenheit hinweisen.
Nicht zuletzt sollen künftige Generationen auf der Suche nach ihrer Wurzeln mit dieser Spur die Gewissheit haben, Bulkes gefunden zu haben, möge dann der Ort heißen, wie er will. Dazu war es hohe Zeit. Es bedurfte auf der einen Seite den Schmerz über Tod und Vertreibung zu überwinden, ohne zu vergessen, auf der anderen Seite, wenn auch nur zögernd, sich nach mehr als 60 Jahren zur Wahrheit zu bekennen.

Zur Erinnerung an die BULKESER BEVÖLKERUNG deutscher Siedler evangelischen Glaubens, die vorwiegend aus dem Südwesten Deutschlands während der Herrschaft des Habsburger Kaisers Josef II kamen, hier lebten und in der Zeit von 1786 bis 1945 hier bestattet wurden. Die BULKESER BEVÖLKERUNG lebte mit anderen Völkern friedlich zusammen. Sie schufen sich hier eine schöne gepflegte Ansiedlung ihre neue Heimat. Nach Kriegswirren 1941.1945 fanden die BULKESER DEUTSCHEN eine neue Heimat, vorwiegend in Deutschland und Österreich. Gestiftet von der MAGLICER BEVÖLKERUNG 2008.

Die Erstellung des Gedenksteines zur Erinnerung an die Bulkeser ist einen Beschluss der Gemeinde Maglic, die auch die Finanzierung übernahm. Danke an die Verwaltung, im besonderen Herrn Radomir Zotovic, danke den Bürgern der Gemeinde Backi Maglic die diese Stiftung ermöglichten.
Der in unseren Augen fehlende Text als Begründung der neuen Heimatsuche scheint mir ein Kompromiss an den Teil der Verwaltung und der Bevölkerung zu sein, die gegenüber der Wahrheit unseres Schicksals noch immer die Augen verschließen. Aktueller Beweis auf der Startseite der Homepage von Backi Petrovac www.backipetrovac.org.yu, Maglic ist Ortsteil von Petrovac. Im Text des Internetbeitrages zu der Einweihung des Gedenksteines im Ortsteil Maglic ist zu lesen, "dass mehr als 100 Bewohner des ehemaligen Bulkes, die nach dem Zweiten Weltkrieg AUSGEWANDERT sind, und ihre Nachkommen zu der Einweihung gekommen sind". Petrovacer als Nachbargemeinde von Bulkes wissen genau, was damals 1945 geschah, waren doch einige von ihnen vor Ort beteiligt. Die Teilnahme Maglicer Bürger, voran Herr Radomir Zotovic, an der denkwürdigen Gedenkfeier der Bulkeser vor zwei Jahren in Jarek, ist ein offenes Bekenntnis und Anteilnahme an dem gewaltsamen Tot unserer Angehörigen in Jarek.
Über den feierlichen Ablauf der Veranstaltung mit dem Inhalt der Reden wird, wie ich annehme, in der Bulkeser Heimatzeitung und in der Homepage des Heimatausschusses www.hog-bulkes.de berichtet werden. Nach der Beendigung der Veranstaltung suchten und fanden wir Hoffmänner und mit uns unser Anhang, die von unserem Urgroßvater 1917 angelegte, jetzt im Fundament teilweise freigelegte Kruft, der Hoffmänner.
Vor dem gemeinsamen Mittagessen suchte mich auf dem Kirchplatz der Sohn seiner in unserem ehemaligen Haus lebenden Mutter und ließ mich wissen, dass sie am Nachmittag auf mich warte. Der Einladung bin ich gerne gefolgt.
Der ereignisreiche Tag klingt aus wie jeder Tag unseres Aufenthaltes in Novi Sad, mit dem gemeinsamen Abendessen im Park Hotel.
Am nächstenTag, dem Montag dem 22.Sept., fuhren wir mit dem Bus wieder nach Maglic. Wir wollten ohne Programmzwänge die "Gassen" auf und ab gehen und uns unserer Kinde- und Jugendzeit erinnern. Wir waren sechs Personen, davon zwei aus der Erlebnisgeneration. Von der Besichtigung der "Station" (Bahnhof) in die "Erste Gass" gekommen, schritt ich mit Stechschritt die Straßenbreite ab. Aus dem gegenüberliegenden Haus trat ein Mann und fragte nach meinem tun. "Ich messe die Straßenbreite" sagte ich ihm in meinem holprigen Serbisch. Er antwortete darauf: "Es sind 33 m, von da bis dort soviel und von dort bis dahin soviel". Es war augenfällig, dass er mit uns das Gespräch suchte. Auf die eine Frage kam die Nächste und schließlich die obligatorische Aufforderung, dass auf der Straße begonnen Gespräche doch bei ihm im Haus beim Kaffee fort zusetzten. Wir schlugen mit bedauern aus, da wir einen Abholtermin wahrnehmen mussten. Wir winkten einer auf der anderen Straßenseite uns zuwinkenden Person zu und verabschiedeten uns von unserem Gesprächspartner. Er drückte jedem die Hand verbunden mit der Einladung, wenn wir nächstes Jahr wiederkommen seine Gäste sein zu wollen und unsere Kinder sollen wir auch mitbringen. "Do Vidjenja". Wir holten ein Ehepaar ab, welche das ehemalige Elternhaus des Mannes besuchte. Er ist Sohn Bulkeser Eltern und in Deutschland geboren, des Serbischen nicht mächtig, die serbische Hausfrau kannte kein deutsch. Wie in solchen Fällen üblich, Verständigung über die Zeichensprache. Während meiner Übersetzungsversuche nahm die alte Frau meine rechte Hand in ihre beide Hände und ließ sie während des ganzen Gespräches nicht mehr los. Plötzlich drückte sie meine Hand ganz fest, schaute mich mit traurigen Augen an und sagte:" Vi niste krivi i mi nismo krivi, politika!". Auf Deutsch: "Ihr seid nicht schuldig und wir sind nicht schuldig, die Politik!". Das ehrliche und traurige Gesicht der alten Frau werde ich in meinen Erinnerungen an Maglic nie vergessen. Es gab auch eine lustíge Begegnung. Wir gingen in der "Letzt Gass" von Bloche Eck nuffwärts, als unbemerkt mitten unter uns ein Fahrrad schiebender Maglicer Bürger ging. Mit gestikulierend Händen lud er uns ein, mit ihm in sein etwa 100m entferntes Haus zu kommen. Er ging voran, schaute sich alle 10m um und winkte ständig. Dieser Einladung, als der Einzigen an diesem Tage, folgten wir dann auch. Er zeigte uns mit Stolz seine kleine Sammlung an antiken Möbeln und Bildern, während sein Sohn Säfte einschenkte. Nach der Ordnung im Haus zu urteilen, muss es reiner Männerhaushalt sein. Ohne große Ankündigung, kam der Hausherr mit der Schnapsflasche, entkorke sie und nahm er als Erster einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Nach einem weiteren Schluck reicht er mir ein Schnappsgläschen um auf das Wohl aller, auch der anderen Anwesenden den Safttrinkenden, anzustoßen, er aus der Flasche und ich aus dem Glas. "Živeli". Nachdem er mir zu erkennen gab, zwischen durch nahm er wieder einen Schluck aus der Flasche, dass man auf einem Bein nicht stehen kann, wiederholte sich der Vorgang. Den Umständen sei Dank, dass ich mit den weiteren Gläschenfüllungen ein hinter mir stehendes Saftglas unbemerkt füllen konnte. Endlich von unserem gastfreundlichen Hausherren "befreit" und auf dem Wege zur Straße, hatten wir den Eindruck, dass er um gerade Stehen zu können jetzt ein drittes Bein benötigt hätte.
Es gab also in Maglic nicht nur Begegnungen vor dem Hintergrund emotionaler Vergangenheitsbewältigung, sondern auch dieses heitere Erlebnis.
Am ersten Tag unseres Aufenthaltes in Maglic, traf sich auf dem Kirchplatz ein Serbe aus dem Nachbardorf Silbasch mit einem Bulkeser, den er aus guter Sallaschnachbarschaft 1945 aus dem Lager freikaufte. Auch Silbascher haben gewusst, was mit den Bulkesern geschah. In dem Wiedersehensgespräch beklagte der Silbascher, dass er das vom Staat 1945 enteignete Feld, anfangs durfte, er 35 Joch später nur noch 17 Joch selbst bewirtschaften, bis heute nicht zurück erhalten hat. Mir scheint als sollten Landsleute die infolge des Restitutionsgesetz Serbiens eine Entschädigung für ihr enteignetes Vermögen erwarten, lieber an die Wahrheit Grimm'scher Märchen glauben.
Viele Bulkeser beklagten den vernachlässigten Zustand ihrer ehemaligen Häuser. Ich auch. Zu bedenken ist, dass die Häuser von der heutigen Bevölkerung nur zum Wohnen genutzt werden. Die Hofstell eines Bauernhauses ist ungenutzt. Es gibt keine Bauern mit eigenem Grund und Boden. Die heute in Maglic betrieben Landwirtschaft wird genossenschaftlich betrieben. Außerhalb des Dorfes sind die Ställe für das Vieh, die Schafe und die Schweine, gefüttert von Arbeiter der "Zadruga" (Genossenschaft). Das von Anfang seines bestehend's auf die Anforderung der Landwirtschaft in seiner Gründung ausgerichtete Dorf, wird heute nicht mehr gebraucht.
Andere Völker andere Sitten. Die Vorstellungen von Ordnung und Erhaltung decken sind nicht gleich bedeutend für alle Völker.
Erinnerungen, Begegnungen, Erlebnisse, Emotionen in den Tagen der Reise in die alte Heimat. Gibt es eine alte Heimat? Wie definiert man Heimat! In meinem Lexikon steht keine Begriffsbeschreibung für Heimat. Jeder definiert Heimat auf seine eigene persönliche Weise. Einmal sagte mir jemand, Heimat ist dort, wo einem die Socken gewaschen werden. Seltsame Begriffsbestimmung für Heimat. Der Schriftsteller H. W. Geißler meint: "Heimat ist nie schöner, als wenn man in der Ferne von ihr spricht". Für Bulkeser kann dies durchaus zutreffen. Der Entertainer Grönemeyer definiert Heimat so: "Heimat ist kein Ort, Heimat ist Gefühl". Dem stimme ich nur zur Hälfte zu. Als ich vor sieben Jahren zum ersten Mal mit dem Pkw in Maglic war, übermannte mich beim Anblick der Bulkeser Kirchspitze als ich Silbasch Richtung Maglic verließ ein Gefühl, dass die Tränen mir nur so über die Wangen liefen. Also beides, Gefühl verbunden mit einem Ort. Nach meinen in drei Maglicbesuchen gemachten Gefühlserfahrungen halte ich es eher mit folgender Definition: "Heimat ist immer etwas Verlorenes, eine Sehnsucht, die sich nicht erfüllen lässt".
Wenn ich aus der Ferne an Bulkes denke, habe ich das Bulkes meiner Kindheit vor Augen. Das Bulkes, wo am frühen Morgen die Hähne auf den Hofstellen mit den Nachbarhähnen um die Wette krähten. Wo der Sladoledmann mit der Glocke klingelnd Gass auf Gass abfuhr und wir Kinder Eier aus den Hühnernestern "holten", um sie gegen Eis einzutauschen. Wo im Sommer ein Pferdefuhrwerk mitten auf de Gass fahrend Staub aufwirbelde, mit dem der Sommerwind sein Spiel trieb.
Bulkes war einmal, Maglic ist heute, gemeiselt in schwarzen Stein auf dem Bulkeser Friedhof in Maglic.


Vi niste krivi i mi nismo krivi, politika!


Kirchheim/Teck, im Oktober 2008
Heinrich Hoffmann

Ein "tiefsinniger" Vierzeiler verfasst vom Bulkeser Volksmund auf unser Eckhaus. Bulkeser sagen zu der der Straßen zu gewandten Nebenseite eines Eckhauses: "Hinter dem Haus".

Hinner Hoffmannhennriche Haus,
hänge hunnert Hemdr haus.
Hunnert Hemdr hänge haus,
hinner Hoffmannhennriche Haus.

Nach der Rückkehr meiner ersten Maglicreise 2001 schrieb ich als Fortsetzung:

Hinner Hoffmannhennriche Haus
hänge schun lang kei Hemder meh haus.
Uf'm Treffe han mr's gsoot die Leit,
dass des sich geännert hat mit de Zeit.

Noh so langer Zeit, es wär joo e Wunner,
hat sich soviel veännert, is manches gang unner.
Schun lang hat mich geploot mei Gewisse,
drumm waor ich jetzt unne, ich wollt's halt mohl wisse.

Als Bulkeser sinn ich zu de Maglicer kumm,
un die hann mich freindlich ufgenumm.
Die gleich Heimat, is es fürwoar
unsre alte is ehri neie warr.

Ich steht uff de Kreuzgass, ei ich kenn mich doch aus,
hann gschaut, mich gewunnert, ja wo is unser Haus?
Do wo's mol gstann is, du vekehrti Welt
han se je Haus mit zwei Stockwerke hin gstellt.

Kei Plaster vorm Haus, kei stowichi Stroos
kei Maulbeerebäm, ei wo sinn ich denn bloos.
Bulkes heißt jetzt Maglic, s'Herz eim debei bricht
hat velor sei Nome un oh noch sei G'sicht.

No sinn ich nunner gang in de Letzgass
bis ann's Enn, wo gewohnt hat de Heinrich Grass.
Wollt iwer die Guzze schaue nunner in's Grundloch,
ja wo is'n des Wasser, des is joo abgeloff.

Dann fohr ich mohl grod, un e'mohl zwerch,
will mich treffe mit de annre, an de Bulkeser Kerch.
Will nuffr fohre bis Bloche in de Letzgass,
fast hann ich mich vefohr im knie hohe Gras.

Es hann e'mohl ghang die Hemder haus,
wie es noch gebb hat Hoffmannhennriche Haus.
Des is mohl gewenn, domols, in de Bulkeser Zeit,
des gebt's, un kummt nimmi, ehr Bulkeser Leit.
Verfasst im Mai 2001 von

Hoffmannhennrich Heinrich



(Heinrich Stephan)







Nachruf

Am Sonntag dem 28.Dezember 2008 erreichte uns die Nachricht vom Tod von

Dusan Knezevic

aus Maglic




Seine in Österreich erworbenen Deutschkenntnisse ließen ihn mit Bulkeser Maglicbesuchern umgehend Kontakt aufnehmen und bei den Bulkesern zum bekanntesten Maglicer werden. Er ist es bis heute geblieben. Zusammen mit Milan Pilipovic hat Dusan Knezevic über ein Jahrzehnt Bulkeser in Maglic zu ihrer Zufriedenheit betreut und große Beliebtheit erlangt.
Mit dem Tode von Dusan Knezevic verlieren wir einen treuen und ehrlichen Freund und Gönner der Beziehungen von Maglic zu Bulkes. Aus vielen mit ihm ausgetauschten Email ließ er immer wieder seinen Herzenswunsch erkennen, den noch Lebenden der Bulkeser Erlebnisgeneration es zu ermöglichen, ein in Maglic an Bulkes erinnerndes Denkmal zu besuchen. Am 21. September 2008 durfte ich mit ihm die Einweihung des Gedenksteines an Bulkes und seine Bewohner auf unserem früheren Friedhof im heutigen Maglic erleben, womit sein Wunsch in Erfüllung ging.

Es war meine letzte Begegnung mit einem aufrichtigen Freund.
Wir trauern um den Verlust von Dusan Knezevic mit dem von Albert Schweizer
stammenden Zitat
"Was ein Menschen an Gutem
in die Welt hinausgibt,
geht nicht verloren."


In tiefer Trauer Heinrich Hoffmann
Bernie Sander
Heinrich Stephan







13. Juli 2008


Friedhof Bad Schönborn:

Am Grab Franz JUNGs,

Anna und Mica Pilipovic
aus Maglic = Bulkes
mit
Frau Anna JUNG.



Hallo Heinrich,
schrieb ich am 19.Juli 08 Heinrich Hoffmann,
letzten Sonntag - es war der 13. Juli 2008 - besuchten uns in Karlsruhe:
Mica Pilipovic und seine Frau Anna,
sein Onkel Mirko Pilipovic und dessen Frau Draga aus Waiblingen sowie
Hans und Gertrude Harfmann.





Wir telefonierten zunächst mit Anna JUNG, dann fuhren wir nachmittags zu ihr.

Von dort ging es gemeinsam weiter zum Grab von Franz (siehe Foto oben).

Anschließend waren wir noch kurz zu einem kleinen Umtrunk auf der Terrasse ihres Hauses in Bad Schönborn
(siehe Foto links).


Frau Jung erzählte, dass ihr Sohn Franz am nächsten Sonntag - am 14. Juli 2008 - nach Belgrad fliegt und von dort mit einem Mietwagen weiter nach Maglic fährt, um Gespräche über die geplante Gedenktafel zu führen.
Dieses Projekt hätte Franz angefangen und daher sehen sie sich in der Pflicht, es auch zu vollenden, - sagte sie zu uns sinngemäß.
Nachdem wir bei uns in Karlsruhe noch tüchtig zu Nacht gegessen hatten (Mica brachte 3 scharfe selbstgemachte Bratwürste mit ), sind alle heimgefahren Richtung Waiblingen und Limburgerhof.
Am Donnerstag waren die 4 Pilipovics bei Hans Harfmann zu Besuch.
Morgen fahren sie gemeinsam mit dem Auto nach Maglic, wo Draga und Mirko 14 Tage bei ihren Eltern Urlaub machen.

Heinrich Stephan






Wir Bulkeser trauern um unseren Heimatausschussvorsitzenden
Franz Jung

Am 8. April 2008 hat uns Franz Jung für immer verlassen. Franz wurde am 11. Juli 1929 in Bulkes geboren. Franz Jung war Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
und
Träger der Staufer Medaille des Landes Baden Württemberg.
Über Jahrzehnte stand er an der Spitze des Bulkeser Heimatausschusses. Sein ausgleichendes Wesen und sein unablässiges Bemühen den Zusammenhalt der Bulkeser zu festigen und zu erhalten, die beispiellose Veranstaltung der Totengedenkfeier in Jarek und die Kontaktaufnahme mit den Vertretern von Maglic, dem ehemaligen Bulkes, sind nur einige seiner endlosen Verdienste. Vor wenigen Monaten durften wir unseren Franz zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Band der Bundesrepublik Deutschland beglückwünschen und uns als Bulkeser mit ihm freuen.
Franz, wir werden dich schmerzlich vermissen. Groß ist für uns Bulkeser die Lücke, die durch deinen Tod enstanden ist. Gott gebe uns die Gabe sie schließen zu können.

Dein Leben war ein großes Sorgen,
war Arbeit, Liebe und Verstehen,
war wie ein heller Sommermorgen-
und dann ein stilles Von- uns gehen.

In meiner persönlichen Verbundenheit als Schulkamerad und aus unserer gemeinsamen Leidenszeit im Arbeitslager in Backa Palanka, tröstet es mich einen Freund im Himmel zu haben.

Heinrich Hoffmann






Bundesverdienstkreuz für Franz Jung

Der Bundespräsident Horst Köhler hat Franz Jung für sein außerordentliches bürgerschaftliches Engagement und seine Verdienste um die Landsmannschaft der Donauschwaben das

Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

verliehen. Die Auszeichnung überreichte der Innenminister von Baden Württemberg, Heribert Rech am 6. Januar 2008 beim Neujahrsempfang der Gemeinde Bad Schönborn.
Seine Verdienste im Bundesvorstand der Landsmannschaft der Donauschwaben sowie seine seit über drei Jahrzehnten unermüdlichen Bemühungen seine Bulkeser zusammenzuhalten, sind beispielhaft. Seit 1984 Vorsitzender des Bulkeser Heimatausschusses erfüllte er sich seinen seit Langem ersehnten Wunsch und konnte im September 2006 zusammen mit über 80 Bulkeser seinem Geburtsort Bulkes, dem heutigen Backi Magkic in Serbien, einen offiziellen Besuch abstatten. Es war für ihn nicht leicht mit seinen Bulkesern aufgrund des hohen Blutzolles den Bulkes im Sterbelager Backi Jarek im damaligen Jugoslawien entrichten mussten, diesen Weg zu gehen. Viele Bulkeser haben die schmerzlichen Verluste ihrer Angehörigen bis heute nicht überwunden. Die ihm angeborene Begabung zwischen divergenten Anschauungen den schonungsvollen Ausgleich zu finden, ließ unter Mithilfe von Karl Weber das Vorhaben zu einem außerordentlichen Erfolg werden.
In seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Gemeinderat, in den Vereinen, sein aktives Mitwirken in der evangelischen Kirchengemeinde, der jedem zur Seite steht der seine Hilfe benötigt, kurz um, durch sein bürgerliches Engagement ist Franz Jung ein Glücksfall für die Gemeinde, so der Innenminister Heribert Rech in seiner Verleihungsansprache.
Bürgermeister Rolf Müller gratulierte und ist Stolz auf Franz Jung und diese Auszeichnung. Sein Wirken in der Gemeinde zugunsten der Bürger und seinen Mitarbeitern seines seit 1955 bestehenden Unternehmens ist großartig und hat diese Ehrung verdient.
Wir Bulkeser gratulieren unserem Heimatausschussvorsitzenden zu dieser hohen Ehrung und sind Stolz auf ihn. Wir wünschen ihm, dass er in Gesundheit seinen segensreichen Weg weitergehen kann und an seiner Ehrung Glück empfinden mag.

Heinrich Hoffmann







September 2006


Die Heimfahrt der Bulkeser.



Dem Trend donauschwäbischer Heimatortsgemeinschaften in Deutschland, ihre ehemaligen Heimatgemeinden im heutigen Serbien in der Gruppe zu besuchen, folgten im September 2006 auch die Bulkeser. Nach der Bedeutungen der Worte des deutschen Schriftstellers Ernst Jünger." Auf alle Fälle führt die Hoffnung weiter als die Furcht" organisierten Franz Jung und Karl Weber, der Vorsitzende und sein Stellvertreter im Bulkeser Heimatausschuss, die Reise nach Jarek und Bulkes, dem heutige Maglic.Unterstützt und beraten von den Herren Suppritz, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben in Deutschland, und Jerger, Präsident des Weltdachverbandes der Donauschwaben, wagten sie es als Erste für die Toten des Sterbelagers Jarek am Rande der vermuteten Massengräber eine Gedenkfeier abzuhalten. Man sagt, wer wagt gewinnt. Franz Jung und Karl Weber haben viel gewagt und alles gewonnen. Eine von Karl Weber professionell bis ins Detail geplante Reisevorbereitung war Garant für einen reibungslosen Verlauf. Drei Schwerpunkte waren auf der Reise geplant. Eine Gedenkfeier mit Kranzniederlegung am Gedenkkreuz in Gakowo, die von der Gemeinde Temerin/Jarek genehmigte große Gedenkfeier in Jarek, beide Male mit geistlicher Beteiligung, und der Besuch von Bulkes der ehemaligen Heimatgemeinde, dem heutigen Backi Maglic. Nach nahezu 60 Jahren Verschweigen und Vertuschen durften die Bulkeser als erste ehemalige Donauschwäbische Gemeinde in Jarek ihren Toten in einer öffentlichen Feier gedenken. Zahlreiche serbische Gäste nahmen an der Gedenkfeier teil. Der Ortsvorsteher von Backi Maglic, Herr Zotovic, kam mit mehreren Vertreter der Gemeinde. Professor Dragoljub Zivkovic, Vorsitzender der vom Vojvodina Parlament eingesetzten Kommission zur Aufklärung der Verbrechen an Zivilpersonen der Vojvodina in und nach dem zweiten Weltkrieg, war unter den Teilnehmer. Neben deutschen Rednern, u.a. der Herren Suppritz und Jerger, hielt Nenad Dunovic, stellvertretender Bürgermeister von Temerin, eine ergreifende Ansprache. Die detaillierte und bebilderte Reisebeschreibung mit allen Programmpunkten der Veranstaltungen sind in der HOG Homepage www.hog-bulkes.de unter dem Link "Eine unvergessliche Reise in die Vergangenheit" nachzulesen. Offiziellen Kontakt zwischen dem Bulkeser Heimatausschuss und der Gemeindevertretung von Backi Maglic gab es in den 60 Jahren seit der Vertreibung nicht. Dazu bemerkte Karl Weber treffend in seinem Bericht: Seit 60 Jahren lebt kein einziger Bulkeser mehr in seinem Heimatort. Ebenso hat von den Bewohnern der vergangenen 60 Jahren kein einziger mit uns in Bulkes gelebt. Franz Jung blieb es vorbehalten, den Kontakt mit der Gemeindeverwaltung von Maglic herzustellen und den ersten gemeinsamen Besuch einer größeren Anzahl Bulkeser in ihrem ehemaligen Heimatort zu sondieren. Lange währte der Schmerz der Bulkeser die 655 Tote, davon 175 Kinder, in dem Sterbelager Jarek zu beklagen haben. Bulkes hatte im Vernichtungslager Jarek die höchste Sterberate von allen anderen betroffenen Gemeinden. Erst jetzt, 60 Jahre später, sollte sich die Verkrampfung lösen und davon Abstand gewonnen werden dem serbischen Volk die kollektive Schuld an unserem Schicksal zu geben. Von der heutigen Generation in Serbien wird erwartet, dass sie auf ihrem Weg zur Wahrheit die Rechtfertigung für den Völkermord an unserem Volksstamm, die pauschale Verurteilung aller Deutscher im ehemaligen Jugoslawien als Kollaborateure fallen lässt.

Franz Jung hat es in der Bulkeser Heimatzeitung nach dem Besuch in Backi Maglic so formuliert: Wir können nach 60 Jahren ohne Rachegefühl auf die in unseren ehemaligen Häusern lebenden Bewohner zugehen. Sie waren nicht die Verursacher für unser Leid und Schicksal, sondern wir wurden durch die geschichtlichen Ereignisse überrollt. Deshalb wollen wir mit den derzeitigen Bewohner von Maglic ein friedliches Verhältnis, und das dies möglich ist, haben wir bei unserem Besuch, wo fast jeder sein Elternhaus besuchen konnte, festgestellt.

Friedfertige Aufnahme, vielfältiges Entgegenkommen und herzliche Gastfreundschaft erfuhren alle Bulkeser die in den vergangenen Jahren, ob einzeln oder wie ich in einer kleiner Gruppe Backi Maglic besuchten. Ein in Backi Maglic aufgewachsener, an der Universität in Neusatz tätiger Professor, wollte in einem Emailwechsel von mir alles über "Sein Bulkes" wissen. Auf meiner Schiffsreise 2005 nach Novi Sad durfte ich ihn persönlich kennen lernen. Als wäre sie zur Betreuung abgestellt, standen Milan Filipovic und den etwas deutsch sprechenden Duzan Knezevic ihren Bulkesbesuchern seit Jahren jederzeit hilfsbereit zur Seite. Schon damals 2001, begleiteten uns die beiden nach Jarek und halfen uns das Gelände zu finden wo sich die Massengräber befinden.

Mich hat es gefreut von Reiseteilnehmer zu hören, mit welcher unvoreingenommenen herzlichen Gastfreundschaft die Maglicer ihre Besucher aus Bulkes aufgenommen haben.
Ein Ort, mit zwei Namen, Bulkes und Maglic.

Heinrich Hoffmann. Kirchheim/Teck, den 10.Dezember

(Heinrich Stephan)


aktArch1.html
aktArch2.html