ANMERKUNGEN zur Nicht-Flucht der Bulkeser

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AHNENFORSCHUNG
Mein Gästebuch

(1) Die Lage in der Batschka, September/Oktober 1944.

Als Rumänien am 23. August 1944 kapitulierte und der König anschließend Deutschland den Krieg erklärte, flüchteten ab September viele Banater Schwaben über eine schnell erbaute Pontonbrücke westlich von Betschkerek über die Theiß und quer durch die Batschka nach Westen. Deutsche und ungarische Truppen bezogen zwischen Donau und Theiß Auffangstellungen gegen die heranrückenden russischen Streitkräfte. Diese vorgesehene Verteidigung der Batschka wurde "verstärkt" durch die sogenannte Batschkadivision (später umorganisiert zur 31. SS-Grenadierdivision, s.Rudolf Pencz "VOR HAUS UND HOF, KIND UND WEIB - Donauschwäbische Grenadiere an der Donau und in Schlesien..."), mit den eilig einberufenen, nicht ausgebildeten, unvollständig eingekleideten und noch schlechter bewaffneten Donauschwaben der umliegenden Orte.

(2) Allgemeine Evakuierung der Batschka, voller Widersprüche.

Aufgeschreckt durch das Erscheinen der Banater Flüchtlinge brachen viele Gemeinden in der Batschka spontan auf und schlossen sich an. Diese Aufbruchbewegung wurde jedoch von deutschen und ungarischen Stellen aus Budapest zum Stehen gebracht. Als dann die Evakuierung von der deutschen Volksgruppenführung in Sombor am 4./5.Oktober 1944 befohlen wurde, empfanden es viele Gemeinden als beschämend, noch einmal loszufahren (s. Sepp Janko "Weg und Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien" 1982).

(3) Flucht- und Rückzugsinformationen in Bulkes, Fehlanzeige.

In Bulkes waren keine deutsche Truppen stationiert, - leider! Oder wäre die Bevölkerung evakuiert worden, - wie in Jarek, Werbass und anderen Orten.
Wenn auch "Der Spiegel" 1985 die Falschmeldung verbreitete, in Bulkes seien in einem ehemaligen Lager der Wehrmacht für die GRIECHISCHE REPUBLIK nach 1945 Partisanen ausgebildet worden.
In Bulkes war kein Lager der Wehrmacht, der Ort war abgelegen von befestigten Strassen und nur über Feld- und Landwege bei trockenem Wetter mit Kraftfahrzeugen erreichbar, folglich erlebte niemand so hautnah, was sich seit Wochen bei Tag und Nacht auf den Autostrassen über Neusatz, Palanka, Hodschag und Sombor, bzw. auf der nördlicheren Querverbindung über Sentiwan, Werbass, Siwatz auch nach Sombor und darüber hinaus abspielte.
Als wir Bulkeser Kinder am Montag, dem 9. Oktober 1944, nicht mit dem Schiff in Palanka evakuiert werden konnten, ging es nachmittags wieder zurück in östlicher Richtung nach Bulkes. Entgegen kamen uns auf der Asphaltstraße zwischen Palanka und Tscheb aus Richtung Neusatz - und wir sahen es zum erstenmal - in ununterbrochenen Kolonnen: Zivilisten, Frauen und Kinder auf Pferdewagen, Soldaten auf Lkws, Pkws und Motorrädern randvoll bepackt mit Ausrüstung, letztem Hab- und Gut. Alle, Zigtausend versuchten nach Westen und Nordwesten dem herannahenden Unheil zu entkommen. Angesteckt von dieser Massenbewegung wären meine Schulkameraden und ich am liebsten gleich aufgesprungen auf so ein Wehrmachtfahrzeug und mitgefahren.

(4) Führungs- und Durchsetzungskraft in Bulkes, Fehlanzeige.

Die widersprüchlichsten Meldungen und Meinungen wollten nicht abreisen. Mal war es ein deutscher Offizier, der zur Flucht aufforderte, dann kamen andere deutsche Soldaten, die das Gegenteil sagten. In dieser allgemeinen Verwirrung fehlte in Bulkes eine durchsetzungsfähige Autorität, die als Einzelperson oder im Team, die Flucht der Bewohner hätte organisieren und auf den Weg bringen können. Notfalls mit Gewalt, wie in Jarek, wo deutsches Militär von Haus zu Haus jeden herausholte zu bereitgestellten Fuhrwerken für die Abfahrt. In Bulkes jedoch kam es in bester demokratischer Manier zu einer Bürgerversammlung, welche nur die allgemeine Aufregung anheizte und zu keinem befriedigenden Ergebnis führte.
Schon gar nicht für den Versammlungsleiter - wie noch heute erzählt wird. Ihm fiel als Vertreter des abwesenden Ortsgruppenleiters die undankbare Aufgabe zu, den Leuten die schlechte Nachricht von der unumgänglichen Flucht zu überbringen. Dafür musste er dann auch im wahrsten Sinne des Wortes Prügel einstecken. Eine junge Kriegerwitwe eilte aufs Podium und verabreichte ihm als Antwort für seine Fluchtaufforderung zwei Ohrfeigen mit den Worten:
"Ist mein Mann dafür in Russland gefallen, dass wir nun flüchten müssen?"

(5) Alte Besonnene vertrauten auf die Großmut des Feindes, Irrtum.

Dass uns unter der Fremdherrschaft schon nichts geschehen würde, weil wir in Bulkes den Russen und Serben auch nie ein Haar gekrümmt hatten, war eine verbreitete Ansicht unter jenen Älteren, die den Umsturz 1918 nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg erlebten und in den Russen und Partisanen nicht ihre Feinde sahen.
Darüber gab es im Ort bereits nicht öffentliche Absprachen "angesehener Bürger". Solche von Vertrauen und Hoffnung in die Vernunft und Humanität der Sieger getragene Haltung wurde noch verstärkt durch die Aussage eines deutschen Offiziers:
"Von den Russen hat man wenig zu befürchten, sie brauchen Menschen, die das Land bearbeiten."
Gleichzeitig standen an diesem Tag bereits viele bepackte Wagen zur Abfahrt bereit. Nun wurden sie wieder entladen und die fluchtbereite Mehrheit im Dorf blieb zuhause.
Bei allen redlichen Motiven gegen eine Flucht, wurden jedoch die Gewalttätigkeiten und grausamen Verbrechen der Polen an der deutschen Minderheit vor allem in Bromberg zu Beginn des Krieges im August 1939 übersehen (oder verdrängt?). Es war doch damit zu rechnen, dass sich dasselbe bei uns wiederholen würde. Die Vorkommnisse in Polen und die Verschleppung deutscher Geiseln (allein 15 aus Bulkes! s. PALMSONNTAG 6. April 1941) in die Festung Peterwardein - veranlasst durch die damalige jugoslawische Regierung zu Beginn des Balkankrieges - waren schwerwiegend genug, auf das Schlimmste gefasst zu sein.
Die Alten, - ihr Irrtum war verheerend: dies war kein Krieg wie jeder andere auch, nicht siegen, - vernichten war das eigentliche Ziel!

(6) Alles im Stich lassen? Nein.

Was geschieht in den Ställen mit den zurückbleibenden Kühen, Schweinen, Pferden, den Hühnern, Gänsen, Enten auf dem Hof, Hund und Katze im Haus? Wer füttert sie, melkt die Kühe zweimal am Tage? Wer bleibt also zurück? Omas und Opas? Sind sie überhaupt noch fähig für diese Arbeit? Wo macht man in der Familie den Trennungsstrich zwischen Mitgehen und Bleiben? Und die Kranken und ganz Alten allein ihrem Schicksal überlassen?
Von solchen Gewissensfragen hin und hergerissen vergingen die Tage in Unsicherheit und Entschlusslosigkeit, bis es schließlich zu spät war. Einige Bulkeser Soldaten, die um diese Zeit, Mitte bis Ende Oktober 1944, den Weg nach Hause wagten, um ihre Angehörigen im letzten Moment zu retten, wurden von Titos Partisanen auf den Feldwegen überfallen, erschossen, umgebracht, an Bäumen aufgehängt, - ermordet, wie viele andere in Bulkes und in den anderen deutschen Orten.

(7) Bezogen auf Bulkes, 60 Jahre danach, ein Klarstellungsversuch über Feindschaft und Schuld im Krieg, Buße danach und das RECHT unter Menschen.

Feinde aller Bulkeser waren - verallgemeinert ausgedrückt - Russen und Partisanen. Obwohl dies gegen Ende 1944 nicht von jedem Bulkeser in letzter Konsequenz so wahrgenommen wurde. Nichtwissen ist jedoch keine Entschuldigung. Man kann sich einer persönlichen Feindschaft wohl entziehen, nicht aber als Mitglied einer Gruppe, die insgesamt ihre Feinde hat. Daher geraten Völker in ihrer Gesamtheit gegeneinander in Feindseligkeiten, wenn Regierungen das durch ihre falsche Politik bewirken.


Schuld hat im Krieg immer der jeweilige Feind. Büßen für den entstandenen Schaden muss am meisten der Verlierer. Schuldig ist jemand nicht nur deswegen, weil er etwas getan hat, sondern auch deshalb, weil er irgendwo dazu gehört. Die Bulkeser gehörten als Deutsche zu Deutschland, das sich vor allem im Krieg mit den Russen und den Partisanen befand. Sie waren wie die anderen Deutschen inner- und außerhalb Deutschlands nach der Rechtsauffassung aller deutschen Kriegsgegner zur Bestrafung vorprogrammiert (Beschluss der Siegermächte auf ihren Konferenzen in Teheran, Yalta und Potsdam).

Rechts im Bild:
Churchill, Truman und Stalin vor Schloß Cecilienhof anlässlich der Podsdamer Konferenz am 25.Juli 1945
Quelle: Ullstein Bilderdienst


Die auferlegte Buße (Enteignung, Vertreibung und damit zusammenhängend: Deportation in Arbeits- und Todeslager) war hart und wird in der Erlebnisgeneration der Betroffenen heute noch mehrheitlich als ungerecht empfunden. Die Sieger begründeten diese Maßnahmen vor sich und der Welt mit den deutschen Angriffskriegen.
In der Tat ging der Zweite Weltkrieg von Deutschland aus und wurde von Hitler zielgerichtet ab 1933 vorbereitet.
In der Folge wurde das weitere Schicksal auch der Bulkeser im Krieg und unmittelbar nach Kriegsende den im Krieg herrschenden Stimmungen und Bedingungen unterworfen. Keiner der zurückgebliebenen wurde verschont, auch nicht die paar so genannten "Schwarzen", die ein gutes Gewissen hatten, weil sie nicht mit marschierten und sich nicht dem "Freiwilligen-Muss" zur Waffen-SS beugten. Der kollektiven Vergeltung sind sie und andere nicht entgangen, es sei denn, es war glücklicherweise aus früheren Zeiten ein befreundeter "Feind" zugegen und setzte sich für sie ein.
Über das Unrecht der Vertreibung wird in der Vertriebenen-Literatur viel geklagt. Über die vorausgegangenen Unrechts-Aktionen Deutschlands wird besonders in der Vertriebenenliteratur am wenigsten berichtet.

(8) Was meinen die Rechtskundigen ganz allgemein zu den Wechselfällen der Rechtsauffassung?

o "DAS RECHT PASST SICH DEM LEBEN AN", kann man dieser Tage in der "Stadt des Rechts" - in Karlsruhe von kompetenter Hand verfasst - lesen.
o "DAS RECHT IST RELATIV (Anm.: Es wird bestimmt durch die LEGISLATIVE, in Demokratien aufgrund freier Wahlen, - in Diktaturen durch Willkür).
Und:
o DIE MENSCHEN VERÄNDERN SICH, VOR ALLEM VERÄNDERT SICH DAS RECHTSBEWUSSTSEIN. WAS HEUTE ALS RECHTENS EMPFUNDEN WIRD, KÖNNEN UNSERE KINDER ALS UNRECHT BEGREIFEN...".

Nichts ist endgültig, die Zeit steht nie still.
(Heinrich Stephan)