GESCHICHTE


ETHNOGRAPHIE... MUNDART... MEI MOTTERSPROCH... HANF... BALLWEERER... LEBZELTER




In eindrucksvollen Studien hat Frau Sylvia Diener-Gohl, Studienrätin, im Bulkeser Heimatbuch die Geschichte von Bulkes beschrieben. Frau Diener-Gohl ist in Deutschland geboren, halb Bulkeserin halb Tscherwenkaerin. Die Internetseiten sind eine Zusammenfassung der 159 jährigen Geschichte unseres Dorfes.





"Die Einwanderung der Donauschwaben im 18. Jahrhundert"
von Stefan Jäger
(Das Originalgemälde befindet sich im Museum des Banats in Temeschwar)



Die Gründerzeit

Die Ansiedlung von Bulkes 1786 fällt in die Zeit des Dritten Schwabenzuges. Im Jahre 1771 waren die von der Kaiserin Maria-Theresia im Jahre 1763 begonnenen Kolonisationen zum Stillstand gekommen. Nach dem Tode seiner Mutter, der Kaiserin Maria-Theresia 1780, hat Joseph II. die Ansiedlungsbemühungen 1784 in breitem Umfang wieder aufgenommen. Auf dem Höhepunkt, im Jahre 1786, des von 1784 bis 1787 andauernden Dritten Schwabenzuges, wurden 1450 deutsche Familien in der Batschka angesiedelt. Das Toleranzpatent Joseph II. von 1781, über die Gleichbehandlung von Protestanten und Katholiken, veranlasste viele Menschen, sich als Kolonisten zu bewerben. Die Zusicherung der Gewissens- und Religionsfreiheit, die Versorgung mit den nötigen Geistlichen und Lehrern, in seinem Ersten Auswanderungspatent 1782 ausgesprochen, löste ein Auswanderungsfieber in den südwestdeutschen Kleinstaaten aus. Die Zahl der protestantischen Einwanderer lag über dem katholischen Anteil. Stützpunkt der auf der Donau ankommenden Kolonisten war das 1750 besiedelte, an der Donau liegende, Apatin. Um die Sicherung der Transportwege auf der Donau zu gewährleisten und das Landesinnere weiterhin als Weideland zu erhalten, wurden die Siedlungen in der Theresianischen Epoche überwiegend in Donaunähe angelegt. Im Verlauf des Dritten Schwabenzuges, kam es zu Neugründungen auf Prädien (Weideflächen) im Landesinneren. So entstanden die rein lutherischen und lutherisch-reformierten Gemeinden Torschau 1784, Tscherwenka 1785, Kleinker, Sekitsch und Bulkes 1786, Jarek 1787.
Im Hinblick auf das damalige Zeitgeschehen in Europa, kann darauf hingewiesen werden, dass 1786 der Preußenkönig Friedrich II., der Große starb und in Russland die Zarin Katharina II., die Große herrschte. In Frankreich hielt Ludwig XVI Hof, verheiratet mit Marie Antoinette einer Tochter Maria Theresias. Im Jahre 1786 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart die Oper "Die Hochzeit des Figaro", in jener Zeit schrieben die Dichter Johann Wolfgang v. Goethe, Friedrich v. Schiller und der deutsche Philosoph Immanuel Kant einige ihrer späteren weltberühmten Werke.
Sammelstelle der aus den südwestlichen deutschen Kleinstaaten angeworbenen Siedler war Ulm. Auf Zillen, von Neckarschiffer diskriminierend "Ulmer Schachteln" genannt, ging es die Donau abwärts über Regensburg nach Wien. Die Zillen waren ein Typus von Holzschiffen. Sie hatten keinen Antrieb, ihre Schnelligkeit wurde von der Fließgeschwindigkeit des Flusses bestimmt. Am Ulmer Donauufer ist eine solche Zille im Original ausgestellt. Bei Reiseantritt von Kolonisten ab Regensburg, der zweiten Sammelstelle, ging es mit einfachen Ruderschiffen, den Kehlheimer, nach Wien. Bis Wien, mussten die Kosten der Reise von den Kolonisten aufgebracht werden. Nach der Registrierung in Wien, wurden alle Kosten für die Weiterreise in die Batschka von der Wiener Hofkammer übernommen. Damit wurden ab Wien den Kolonisten alle Sorgen für die Verpflegung genommen, da diese, bis zur Möglichkeit sich selbst wieder versorgen zu können, die Wiener Ansiedlungsbehörde übernahm und sicherstellte.
Auf dem Prädium, (ung. Puszta) Bulkesz, einem Steppen- und Grasland, begannen im Juni 1786 die Gründer von Bulkes 200 Häuser für Bauern und 15 Häuser für Handwerker aus dem Boden zu stampfen. Das Kolonistenhaus war ein mit Schilfrohr gedecktes Stampfhaus. Die Wände und der Fußboden waren aus Erde gestampft, die man der Siedlungsstelle entnahm. Die Wände wurden mit Kalk angestrichen. Anderes Baumaterial stand nicht zur Verfügung. Erst später, mit dem Bau der Kirche 1817, wurden in Bulkes die ersten Ziegel aus Lehm gebrannt. Das Bauernhaus hatte zwei Stuben, eine große Kammer, eine Futterkammer mit Dachbodenaufgang, eine Küche und einen Stall. Das Handwerkerhaus hatte eine Stube weniger und keinen Stall. Die Zimmer hatten ein einfaches kleines Fenster.
Das Klima in der unbewohnten Steppe und das überaus regnerische Wetter der ersten Jahre brachte der Ansiedlergeneration so manchen harten Rückschlag. Ansteigendes Grundwasser verursachte Überschwemmungen. Das mühsam dem Steppenboden abgerungene Ackerland wurde zum Sumpfland. Das stehende Wasser verursachte Fäulnis, so dass Sumpffieber ausbrach. Ungesundes Trinkwasser lies Darmerkrankungen zur Seuche ausarten. Viele Ansiedler starben. In Bulkes wurden 900 Kolonisten angesiedelt (s. ETHNOGRAPHIE ). Ein Jahr später, beim Antritt des ersten Pfarrers im Nov. 1787, zählte die Gemeinde 1000 Seelen. Im folgenden Jahr 1789, sank die Einwohnerzahl infolge der hohen Sterblichkeitsrate und durch Abwanderungen des ungesunden Klimas wegen, auf 500 Personen. In der Gemeinde wurden 30 Waisen gezählt. In unregelmäßigen Abständen, besonders Mitte des 19. Jahrhunderts, wiederholten sich die Überschwemmungen. Spürbare Abhilfe brachte erst der an Bulkes vorbeiführende 1872 fertig gestellte Franz-Joseph-Kanal.
Nach Ablauf der 10 steuerfreien Jahren Ende Mai 1795, wurde die landesübliche "Urbario" eingefordert. Die Bauern und Kleinhäusler wurden Erbpächter und mussten Hauszins zahlen. Die Bauern hatten vom Ernteertrag den 7tel bis 10tel abzuführen. Die größte Not war überstanden. Im Jahre 1810 lebten in Bulkes 1425 Einwohner in mittlerweile 229 Häusern. Wald und Schilfrohr gab es in Bulkes und seinem Umland nicht. Geheizt wurde in der Anfangszeit mit Stroh. Mit dem Anbau von Mais wurde bis 1945, mit "Starze" geheizt, der Maisstängelwurzel. Das Blattwerk des Maisstängels wurde für Viehfutter verwendet, der restliche Maisstängel getrocknet und verheizt. In den Jahren, als man begann Hanf anzubauen, wurde auch mit "Brechoune", dem zerkleinerten und getrockneten Hanfstängel geheizt. Als Brennmaterial im Herd diente auch bis 1945 der "Butzen", der entkernte und getrocknete Maiskolben.
Die Währung des damaligen Österreich war der Gulden (fr). Ein Gulden bestand aus 60 Kreutzer (Xr). Das Getreidemaß war der Metzen. Der Metzen hatte einen Inhalt von 62 Liter.
Kein Bauer konnte den ihm zur Bewirtschaftung zugeteilten Boden, die überlassenen landwirtschaftlichen Geräte, Kühe und Pferde verkaufen oder an seine Kinder verschenken noch vererben. Nur der älteste Sohn, wenn es keinen gab, die älteste Tochter, waren erbberechtigt. War die Ehe kinderlos, erbte die Frau nur dann, wenn sie jünger als 60 Jahr alt war. Traf dies nicht zu, fiel der Besitz an die Hofkammer zurück


Die Blütezeit

War die Siedlungsperiode geprägt von purem Existenzkampf, so steigt mit wirtschaftlichem Aufschwung das Verlangen nach besserer Lebensqualität. Für den Eigentümer von Grund und Boden, befreit von staatlichen Vorschriften, lassen sich jetzt mit eigenem Kapital individuelle Wünsche erfüllen.
Das ursprüngliche Stampfhaus genügte wegen der wechselnden Bodenfeuchtigkeit den gesteigerten Ansprüchen nicht mehr. Der neue Haustyp wird mit Kot-Ziegeln gebaut. Der so genannte Kot-Ziegel ist ein in der Sonne getrockneter und zur besseren Bindung mit Weizenspreu gemischter Lehmziegel. Später wird dieser abgelöst von dem gebrannten Tonziegel. Das Schilfrohrdach wird vom Ziegeldach abgelöst. Die Grundwasserabsenkung und neue Bautechniken machten es möglich, jetzt auch Keller zu bauen. Jedes Haus hatte einen landestypischen offenen Ziehbrunnen, später auch mit modernen Pumpbrunnen seine eigene Wasserversorgung. Das war Standard bis in das Jahr 1945.
Eine von Jakob Schadt, Würzburg, in der Bulkeser Heimatzeitung veröffentlichte ethno-topographische Beschreibung des Pfarrers Josef Spannagel und des Notars Friedrich Tonner geben einen Einblick in das Leben in Bulkes des Jahres 1860. Von einem sichtbaren Wohlstand der Bürger wird dort berichtet. In 297 Häuser leben nun 2725 Einwohner. Wurden im Jahre 1850 von nur einem Lehrer 400 Kinder unterrichtet, so unterrichten jetzt zwei Lehrer 234 Kinder in der Knabenschule und 239 in der Mädchenschule.
Das 1859 errichtet Spital mit 6 Betten wurde bereits ein Jahr später aufgelöst und in die benachbarte Gemeinde Gajdobra verlegt.
In der Ansiedlungszeit wurde die Besetzung des Gemeindeamtes von der Kameralbehörde bestimmt. Dem Notar der Gemeinde und dem bestellten Gemeindevorstand waren vier Geschworene und vierzig Ausschussmänner zugeordnet. Der Richter, so wurde der Gemeindevorstand genannt, war zuständig für die öffentliche Ordnung und das Familien- und Erbrecht. Verstöße gegen die Ordnung und Sittlichkeit wurden von ihm mit der Prügelstrafe geahndet. Wer Rechte hat, der hat bekanntlich auch Pflichten, wie die folgende von Peter Degen uns überlassene Anekdote belegt:
Der Richter und die Revolution.
Als 1848 die Ungarn für ihre Selbständigkeit gegen die Habsburger revoltierten, kamen hin und wieder Truppen nach Bulkes. Diese kamen zum Richter und wollten wissen zu welcher Partei er steht. Damals gab es noch keine Zeitung und auch sonst war Bulkes fast von der Welt abgeschlossen. Der Richter konnte daher die Zugehörigkeit einer Truppe an den Uniformen nicht erkennen. Als die ersten Truppen nach Bulkes kamen, fragte der Kommandant den Richter zu welcher Partei er steht. In der Annahme es sind die Kaiserlichen, antwortete er:"Wir sind für den Kaiser". Es waren aber Aufständische. Der Kommandant befahl dem "Kleinrichter"(Gemeindediener) eine Bank zu holen auf welche sich der Richter hinlegen und die Strümpfe ausziehen musste. Als Bestrafung bekam der Richter von dem Kommandanten 25 Peitschenhiebe auf die Fußsohlen. Dieser Vorgang wiederholte sich noch einmal. Als zum dritten Mal ein Trupp in's Gemeindehaus kam und dem Richter erneut die Frage gestellt wurde zu welcher Partei er denn hält, beantwortete er die Frage schon gar nicht und sagte zum Kleinrichter: "Krischan geh un hol die Bank".

Eine Polizei gab es in Bulkes erst später. Zu welcher Zeit eine freie Verwaltung mit gewählten Gemeindevertretern eingeführt wurde, ist nicht überliefert. Bulkes unterstand der gerichtlichen Instanz des Bezirksamtes Palanka. Die für Bulkes zuständige politische Kreisbehörde war in Neusatz. Diese Zuständigkeiten blieben bis 1945 erhalten. Die 280 in Bulkes angesiedelten Familien stammen aus 221 Gemeinden aus 6 Reichsländern. Die meisten kamen aus der heutigen Nordpfalz und dem benachbarten Rheinhessen.
Aus diesem deutschen Völkergemisch entwickelte sich in der neuen Dorfgemeinschaft eine eigene, in der Batschka unverwechselbare MUNDART . mit einem starken Pfälzer Akzent.
Als Sohn von Wirtsleuten 1848 in Bulkes geboren, Pfarrer in Pantschewo, ist Georg Schwalm als einer der bedeutendsten Mundartdichter des südostdeutschen Raumes unter dem Pseudonym "Jörg von der Schwalm" bekannt. Was er schrieb handelt von Bulkes und ist überwiegend im bulkeserischen Dialekt abgefasst. Das dritte Bulkeser Heimatbuch, 1984 herausgegeben, beginnt mit dem Gedicht von Jörg von der Schwalm MEI MOTTERSPROCH . An Dichtern unserer Gemeinde hat er in Karl Brunner, Jakob Graß, Elli Elicker, Hans Weber, um nur einige zu nennen, würdige Nachfolger.
Das kulturelle Leben in unserer Gemeinde wurde durch Gründungen verschiedener Vereine und Musikkapellen und 1894 der Feuerwehr, vielseitig belebt. Ein Gesangverein der Geltung erlangen wollte, musste mindestens eine bis zwei Operetten im Jahr aufführen. Als erster kultureller Verein der Gemeinde Bulkes wurde 1866 der Bulkeser evangelische Männergesangverein gegründet. Viele Sitten und Bräuche, die in den ethnologischen Beschreibungen von Spannagel und Tonner des Jahres 1860 überliefert sind, hatten bis 1945 bestand. Als gebürtiger Bulkeser habe ich die Ostereier von meinen "Goten" (Taufpaten und sonstiger Verwandtschaft) am Ostersonntag von Haus zu Haus gehend noch genau so abgeholt, wie es nach der Beschreibung schon 1860 Sitte war. Die Entwicklung der Landwirtschaft. Die Umgestaltung der Batschka von einer Gras- und Steppenlandschaft in ein Getreideproduktionsland, um deren Überschüsse zu exportieren, war Ziel habsburgischer Merkantilpolitik. Die Berufsstruktur der Bulkeser Kolonisten spiegelt diese wirtschaftliche Vorgabe wieder. Bulkes übertraf bei der Ansiedlung mit 93% Bauern und 7% Handwerkern und Tagelöhnern den Durchschnitt der bäuerlichen Bevölkerungsstruktur in der Batschka. Dieses Verhältnis sollte sich bis zur Auflösung der Gemeinde im Jahre 1945 in 32,8% Bauern und 67,2% Handwerkern und Tagelöhner verändern.
Die auf dem Lößuntergrund in Bodenbildungsprozessen entstandene Schwarzerde und das in Wechselwirkung stehende Klima zwischen dem ozeanischen Westen und kontinentalen Osten, wobei das kontinentale überwiegt, bieten bestmögliche Voraussetzungen zum Getreideanbau.
Aus der ethnologisch-topographischen Beschreibung des Jahres 1860 erfahren wir, dass zumeist Weizen, Hafer, Hanf und Mais angebaut wurde. Die Bodenerzeugnisse, welche am Ort nicht verwertet werden konnten, mussten mit dem Pferdegespann nach Neusatz, Palanka oder Werbas zum Verkauf gefahren werden. Bulkes wurde erst 1894 mit einer eigenen Bahnstation an das Eisenbahnnetz angeschlossen.
Pflug, eiserne Egge, Walze und zusammengebundene Dornenbüsche als Schleife zur Feinverkrümelung der Ackerfläche waren die einzigen dem Bauern zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Geräte. Zu einer Zeit, als dem Bauern außer Pflug und Egge keine sonstigen landwirtschaftlichen Gräte als Hilfsmittel zur Verfügung standen, war der Tagelöhner eine unersetzliche, seine wichtigste Arbeitskraft. Ohne Tagelöhner war die Landwirtschaft wie der Schmied ohne Hammer oder der Leinenweber ohne Hanf.
Hauptanbauprodukt und existenzieller Rückhalt in der Landwirtschaft mit 40 % der Anbaufläche war von Beginn an der Weizen und blieb es bis zum gewaltsamen Ende unserer Dorfgemeinschaft. Die Batschka wurde zur Kornkammer der Monarchie.
Mit 23 % folgte der während der Türkenzeit noch als menschliches Nahrungsmittel verwendete Mais. Seines Stärkegehaltes wegen wurde er in der Mastviehzucht und der Geflügelhaltung eingesetzt.
Die Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie und die Zugehörigkeit eines Teiles der Batschka zu Jugoslawien nach dem ersten Weltkrieg, brachten auch für Bulkes die bisherigen Schutzzölle für landwirtschaftliche Produkte in Wegfall.
Die Bauern sahen plötzlich ihre Produkte den schwankenden Weltmarktpreisen ausgesetzt. Mit der Erhöhung der Anbauflächen für Industriepflanzen wie Hanf mit 10% und Sonnenblumen mit 7%, wusste man der neuen Situation zu begegnen. In seiner Blütezeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde der HANF das weiße Gold der Batschka genannt.
Er war schon während der Türkenzeit dort bekannt. Als Rohstoff zur Herstellung von Textilien des täglichen Bedarfes fand er weite Verwendung von der Sohle für die selbst gestrickten Hausschuhe bis zum Strohsack.
Die Realerbteilung ersetzte nach 1848 die Erbpacht. Mit der Eigentumsübertragung von Haus und Hof auf den Ansiedler erlosch die Erbpacht und damit auch die bis dahin an die Erbpacht gebundene Erbfolgeregelung. Dadurch führte im Erbfall der Kinderreichtum im 19 Jahrhundert zur Zersplitterung des Besitzes. Um sich der neuen Gesetzgebung anzupassen und der Besitzverhältnissen wegen, bekam das Bauernehepaar in Zukunft nur noch ein oder zwei Kinder. In dem Bericht seiner Studienreise aus dem Jahre 1922 zu den donauschwäbischen Siedlungsgebieten im damaligen Ungarn, Jugoslawien und Rumänien führte Dr. Hermann Rüdiger, tätig am Deutschen Auslandsinstitut, über seinen Besuch in Bulkes u. a. folgendes aus:
Als ich zur Zeit des Weizenschnitts im Juli vom deutsch-katholischen Tscheb nach dem deutsch-evangelischen Bulkes hinüberfuhr, fiel mir beim Erreichen des Bulkeser Hotters sofort auf, das hier fast nur Mähmaschinen verwendet werden. Das ist kein Zufall, dass in zwei benachbarten deutschen Gemeinden zur gleichen Zeit, in der einen mit der Sense, in der anderen mit der Maschine gemäht wird. Die katholischen Deutschen in Tscheb haben keine Mähmaschinen, aber mehr Kinder, die evangelischen Deutschen von Bulkes haben Mähmaschinen, aber wenige Kinder.

Dieser Auszug stammt aus einer Broschüre die Heinrich und Jakob Schadt dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen zur Archivierung überlassen haben.
Um die durch die Zersplitterung verloren gegangene Wirtschaftlichkeit, z. B. durch lange Anfahrtswege zu kleinen Parzellen, wieder herzustellen, fand 1895 eine Flurbereinigung, österreichisch Kommassation genannt, statt. Der jetzt entfernt vom Dorf zusammengelegte Flurbesitz brachte mit dem Sallasch ein neues Siedlungselement. Der Sallasch war ein auf der Feldflur errichtetes landwirtschaftliches Wirtschafts- und Wohngebäude mit Stallungen zur Viehhaltung. Ständig bewohnt war er vom Sallaschknecht und seiner Familie. Der Besitzer zog nur zeitweise im Sommer während der Erntezeit auf den Sallasch. Im Jahre 1945 gab es 10 Sallasche auf dem Bulkeser Hotter der eine Gesamthottergröße von 6042 Joch, das Joch zu 0,5 ha, hatte.
Ein von Jugoslawien mit dem Deutschen Reich Mitte der 30iger Jahre des 20. Jahrhunderts abgeschlossenes Handelsabkommen, brachte der Landwirtschaft in der Batschka einen rasanten Aufschwung. Das Deutsche Reich wurde Hauptabnehmer von Weizen, Hanf und Sonnenblumen und lieferte im Gegenzug deutsche Agrartechnik. Mit landwirtschaftlichen Geräten der Firmen Fahr, Lanz, Eberhardt u. a. konnte der Maschinenpark der Batschkaer Bauern modernisiert und erweitert werden. Welch ein langer, 150 Jahre andauernder mühsamer Weg vom Tretplatz in der Ansiedlungszeit, bis zur Binder-Mähmaschine der Firma Fahr. Vom einfachen Holzpflug bis zum mehrscharigen Eisenpflug, mit dem Eber als Etikett, der Firma Eberhardt aus Ulm.
Die Erbfolgeregelung während der Erbpachtzeit, sie endete wie bereits ausgeführt 1848, sah die Festschreibung des ältesten Sohn als Alleinerbe des landwirtschaftlichen Besitzes vor. Seine Geschwister hatten die Wahl, Tagelöhner beim Bruder zu werden oder einen Handwerksberuf zu erlernen. Der anfänglich geringe Anteil von 7% Handwerker und das Fehlen jeglicher industrieller und gewerblicher Strukturen in der Region, ließ schnell Handwerks- und Dienstleistungsberufe in Bulkes entstehen.
Viele der über 50 im Bulkeser Heimatbuch aufgelisteten Berufe ernährten alleine nicht den Mann. Dementsprechend wurden mehrere Tätigkeiten von einer Person gleichzeitig ausgeübt. So arbeitete mancher Handwerker im Sommer als Tagelöhner in der Landwirtschaft während er in der übrigen Zeit seinen Handwerksberuf ausübte. Aus der Vielzahl der ausgeübten Handwerksberufe will ich nur einige ihrer Eigenart wegen aufzählen. Der Batschkermacher (Opankamacher), Ziegelbrenner, BALLWEERER , Siebmacher, LEBZELTER , Bürstenbinder, Büchsenmacher, Seiler. (Anm.: Die in blauer Schrift geschriebenen Berufsbezeichnungen sind als Link mit der näheren Beschreibung ihrer Tätigkeiten anzuklicken.)
Bei der Aufzählung der Berufe im Bulkeser Heimatbuch, zugrunde gelegt wurde offensichtlich der Stand von 1945, fällt auf, dass neben 161 Bauern 153 Maurer in der Häufigkeit an zweiter Stelle stehen. Der Beginn der außergewöhnlichen Entwicklung des Bauhandwerks in Bulkes ist nicht überliefert. Erste Erfahrungen im Tief- und Brückenbau machten eine große Anzahl Bauhandwerker mit dem Baubeginn des Eisenbahnnetzes im Jahre 1895.
Die Förderung des Groß-Grundbesitzes in der österreichisch-ungarischen Monarchie, brachte dem Bauhandwerk bei den großzügig einsetzenden öffentlichen Bauten lukrative Aufträge. Nach dem Ende des verlorenen Ersten Weltkrieges wurde die Donaumonarchie durch die Siegermächte aufgelöst. Mit dem Friedensvertrag von Trianon 1920 verlor Ungarn 2/3 seines ursprünglichen Gebietes und die Bulkeser Bauhandwerker ihre Auftraggeber. Die südliche Batschka fiel an den neu geschaffenen Staatsverband der Serben, Kroaten und Slowenen.
Eine neue Erwerbesquelle war mit dem Ausbau von Belgrad zur Hauptstadt des neuen Staates schnell gefunden. In der Blütezeit der Bulkeser Bauhandwerker in den 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts fuhren nahezu 300 Bulkeser Maurer, 70 Zimmerleute und 30 Tischler nach Belgrad, Zagreb und Sarajevo zur Arbeit. Übernachtet wurde auch schon mal auf der Baustelle. Waren mehrere Bulkeser Bauarbeiter auf der gleichen Baustelle, so fuhr abwechselnd im 14 Tage Rhythmus einer nach Hause um für alle frische Wäsche zu holen. Während der Freiluftsaison als Maurer in der Ferne auf den Baustellen, saßen einige von ihnen im Winter als Leinenweber vor dem Webstuhl. Mit fortschreitender Bautechnik, die es möglich machte bis Dezember auf den Baustellen zu arbeiten, wurde die zweite Berufsausübung aufgegeben. Das massive Auftreten von Bulkeser Maurer auf einer Baustelle ließ Kollegen aus anderen Orten fragen, ob den in Bulkes der Pfarrer auch Maurer ist.


Das neue Volksbewusstsein

Über Recht und Ordnung wachte der Kaiser. Gestützt auf die tragende Idee des völker- verbindenden Christentums gab es im Kaiserreich keine Minderheiten. Man glaubte, Gott hat in seinem Garten viele Blumen, jedes Volk stellt solch eine Blume dar. Diese heile Welt begann spätestens mit der Revolution 1848/49 allmählich zu zerfallen und machte auch vor dem Siedlungsgebiet unserer Ahnen keinen Halt.
Mit der Gründung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn 1867 erlangte Ungarn mehr Eigenstaatlichkeit. Der anderssprachige Bevölkerungsanteil, er betrug mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung Ungarns, sollte mit der einsetzenden Madyarisierungspolitik zur ungarischen Nationalität bekehrt werden. Sie sollten einen ungarischen Namen annehmen, auf ihre angestammte Muttersprache verzichten, sowie ihre überlieferte Lebensweise zugunsten der ungarischen aufgeben.
Den in städtischen und staatlichen Diensten stehenden Deutschen wurde die Madyarisierung geradezu aufgezwungen, wollten sie ihre beruflichen Stellungen nicht verlieren. Ein in der ungarischen Armee dienender Bulkeser Sanitätsoffizier im Rang eines Generales war genötigt, seinen deutschen Namen Burkhard aufzugeben und den ungarischen Bacsvari anzunehmen. Nachkommen der deutschen Siedler politisch unerfahren, dem Besitzdenken zugewendet, ihre dünne Oberschicht in Staatsdiensten zur Madyarisierung mit dem Verlust der Existenz erpresst, wurden in den Städten leichte Beute der ungarischen Minderheitenpolitik. Der bisher schützenden Hand des Kaisers als Schirmherr der deutschen Siedler entzogen, schlug für sie die Stunde eines neuen Volksbewusstseins. In der Bedrängnis die nationale Identität wahren zu müssen entwickelte sich allmählich das politische Denken und Handeln. Im Bulkeser Heimatbuch ist uns überliefert, dass einige mutige Männer um Johann Eidenmüller den Madyarisierungsbemühungen in Bulkes leidenschaftlichen Widerstand leisteten.
Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914, unsere Großväter kämpften und starben Seite an Seite mit den Ungarn in der K u K Armee, verlor diese ethnische Auseinandersetzung an Heftigkeit. Nach der militärischen Niederlage 1918 und dem Zerfall der Donaumonarchie fiel die Batschka, mit ihr Bulkes, an den neuen Staatenbund der Serben, Kroaten und Slowenen, dem späteren Königreich Jugoslawien. Zur Wahrung und Stärkung der nationalen deutschen Kultur und infolge der Missachtung der im Friedensvertrag von Paris festgeschriebenen Minderheiten-Schutzverträgen durch den neuen Heimatstaat, gründeten die Deutschen in Jugoslawien 1920 den Schwäbisch-Deutschen Kulturbund. Im Mittelpunkt der Satzungen stand die Erhaltung und Entwicklung der geistigen Kultur (Schulunterricht in der Muttersprache, Pflege und Reinheit der Deutschen Sprache), die Gründung von Genossenschaften, die wirtschaftliche Stärkung durch die Weiterentwicklung der Agrarwirstchaft. Politische Betätigungen waren untersagt. Die Ortsgruppe Bulkes wurde noch im Spätherbst des gleichen Jahres gegründet. Die Umsetzung der in den Satzungen festgeschriebenen Vorhaben führte 1922 zur Gründung der landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft Agraria. Ihr dynamisches Wachstum ließ sie zum größten donauschwäbischen Wirtschaftsdachverband werden. Die Hauptaufgabe der Agraria bestand in der zentralen Beschaffung von landwirtschaftlichen Gebrauchsgütern, Saatgut und Kunstdünger sowie der Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte. Bulkes war mit der Gründung der "Landwirtschaftlichen Waren- und Kreditgenossenschaft m. b. H Bauernhilfe" eines der ersten Mitglieder der Zentralgenossenschaft. Etwas später gründete man in Bulkes die Viehzucht- und Milchverwertungs-Genossenschaft. Im Jahre 1940 erzielte die Agraria mit ihren 141 örtlichen Genossenschaften aus dem Verkauf von Weizen, Mais und Hanf einen Umsatz von 48 Millionen Dinar. Die Landwirtschaft war noch immer die Haupterwerbsquelle der deutschen Bevölkerung in Jugoslawien. Im Durchschnitt bestand der Bevölkerungsanteil auf dem Lande nahezu aus 40% besitzender Bauern, 20 % größtenteils von den Bauern abhängigen Gewerbetreibenden und 40% Kleinhäusler, die hauptsächlich als landwirtschaftliche Hilfskräfte bei den Bauern als Tagelöhner arbeiteten.
Im Monat August des Jahres 1936 feierte Bulkes sein 150 jähriges Bestehen. Dieses Jubelfest begingen im gleichen Jahr die Batschkaer Gemeinden Sekitsch, Feketitsch, Neu Schowe und Batschki Dopro Polje (Kischker). Der Chronist schreibt: Es sind dies blühende Kolonistengemeinden, die vor 150 Jahren, zur Zeit des Kaisers Joseph II, von wackeren deutschen Männern aus der Pfalz, aus Württemberg, Elsass und Hessen gegründet wurden. Mit der Teilnahme von Gästen aus der Pfalz an dem Jubiläum, wurde die Verbundenheit der Nachkommen der Ansiedler zu ihrer Urheimat gefestigt. Der Landesbischof Philipp Popp, seine Mutter war Bulkeserin, würdigte in seiner Predigt die Leistung der Ansiedler mit den Worten: War es eine Kleinigkeit mitten in diesem Sumpfgebiet, in der Wildnis ein neues Land, eine Kornkammer des heutigen Jugoslawien zu schaffen? Es ist ein großes Werk das bestehen bleibt, das Werk das unsere Väter hier geschaffen haben. Blühende Gemeinden haben die Nachkommen deutscher Siedler entstehen lassen und einen mit viel Fleiß erarbeiteten Wohlstand.
Von Generation zu Generation vererbte sich die Legende, wonach der Herrgott bei der Verteilung seiner Gaben den Schwaben vergessen hatte. Als letztes seiner Geschenke war ihm nur der Pflug übrig geblieben. Bevor sich der Herrgott entschuldigen konnte, ergriff der Schwabe freudig den Pflug und gelobte, den erhaltenen Pflug immer blank zu erhalten. Im Gegensatz zu anderen deutschen Gemeinden war Bulkes bis zum Ende seines Bestehens 1945 noch nicht an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. Den elektrischen Strom für die Gemeinde erzeugte die Sandermühle. Elektrischen Strom gab es im Sommer ab 19 Uhr und im Winter ab 16 Uhr. Tagsüber musste man in Bulkes ohne elektrischen Strom auskommen.
Die vom jeweiligen Pfarrer konfessionell geleitete Schule wurde 1920/21 verstaatlicht und bekam einen Schuldirektor. Die Schüler/innen der sechs Bulkeser Volksschulklassen wurden von vier Lehrern in vier Klassenräume unterrichtet. Der Klassenlehrer unterrichtete sämtliche Fächer des Stundenplanes. Die Unterrichtssprache war deutsch. Mit dem jeweiligen Wechsel der Staatsbürgerschaft 1920 von Ungarn zu Jugoslawien und 1941 wieder zurück zu Ungarn, wechselte von einem Tag auf den anderen die Landessprache auf dem Stundenplan. Der Anspruch in kürzester Zeit die neue Landessprache zu beherrschen, stellte die vor dem Schulabschluss stehenden Schüler/innen in der Planung ihrer akademischen Laufbahnen vor große Schwierigkeiten. Der heute in Seevetal nahe Hamburg lebende Peter Degen besuchte damals das serbo-slowakische Gymnasium im 5 km entfernten Nachbarort Batschki Petrovac und schreibt als Betroffener:
Im Jahre 1941 besuchte ich die achte Klasse des Gymnasiums in Batschki Petrovac und stand somit vor der Matura. Das Gymnasium wurde im Laufe der Jahre von mehreren Bulkeser Jungen und Mädchen besucht. Wir gingen täglich zu Fuß von Bulkes in den Nachbarort Petrovac. Bei sehr schlechtem Wetter wurden wir mit dem Pferdewagen gefahren. Nach dem Einzug der ungarischen Truppen 1941 in die Batschka, löste sich das Gymnasium auf, da die meisten Lehrer Serben oder Slowaken waren. Als ich nicht wusste wie es weitergehen soll, für die Ausreise nach Deutschland bekam ich keinen Pass, versuchte ich über Belgrad mit den deutschen Soldaten nach Deutschland zu kommen. Dort erreichte mich von meinem Vater die Nachricht, dass das Gymnasium in Petrovac wieder geöffnet ist und ich die Prüfung ablegen kann. Zwei ungarische Lehrer kamen an das Gymnasium die uns die Geschichte und die Geographie Ungarns beibrachten. Die anschließenden Prüfungen wurden allerdings in serbischer Sprache abgehalten.
Viele Bulkeser Schüler/innen gingen nach der Volksschule auf weiterführende Schulen nach Petrovac, Futok, Neu-Werbas, Apatin und Neusatz.
Als Vorbereitung auf die Volksschule gingen die Kinder in die Owoda (Kindergarten).



Die Endzeit

Mitte der 30iger Jahren unterhielt die national-konservative Führung des Kulturbundes gute Beziehungen zum Heimatstaat Jugoslawien. Von ihrem Studium aus Deutschland und Österreich heimkehrende Akademiker hatten nationalsozialistische Ideen im Gepäck. Ihre Forderungen mehr kulturelle Freiheit vom Staat zu erwirken, konnten sie bei der Kulturbundführung nicht durchsetzen. Das Scheitern ihrer nationalsozialistischen Einflussnahme führte 1934 zur Gründung der Erneuererbewegung. Noch im gleichen Jahr wurde die Kameradschaft der Ortsgruppe Bulkes gegründet. Unter Mithilfe der Volksdeutschen Mittelstelle des Deutschen Reiches, von Himmler 1936 zur politischen Einflussnahme auf deutsche Volksgruppen im Ausland gegründet, übernahmen die Erneuerer 1939 die Geschicke des Kulturbundes. Zeitgemäß wurde die Kulturbundführung jetzt in Volksgruppenführung umbenannt. Im historischen Rückblick gilt dieser Zeitpunkt als der Beginn des Dramas der donauschwäbischen Geschichte. Die Sondermeldungen über den siegreichen Verlauf von Hitlers Blitzkrieg, im patriotischen Tenor von Hitler und Goebbels gehaltene Reden waren Balsam für die Seelen der seit 1867 um die Erhaltung ihrer nationalen Identität ringenden deutschen Minderheiten im Ausland. Für die Erneuererbewegung war es der endgültige Durchbruch. Die im Dritten Reich eingeführten Organisations- und Ausdrucksformen wurden von den Erneuerer übernommen und nachgeahmt, sie wurden als deutsch sein schlechthin verstanden und nicht als Ausdruck der Ideologie einer politischen Bewegung. Die Trachten wurden aus- und das Braunhemd und die Stiefel, bulkeserisch Zischme, angezogen. Diese neue aus dem Deutschen Reich importierte Gesinnung spaltete nicht nur in Bulkes Dorfgemeinschaften, Freunde, Nachbarn, Verwandte und in einzelnen Fällen auch Familien. Nicht alle waren gewillt diese Uniform zu tragen, sich der neuen Geisteshaltung und Weltanschauung anzuschließen. Die Spaltung ging durch alle Bevölkerungsschichten und Berufsstände. Im Sprachgebrauch wurden die Andersdenkenden, die Konservativen, "Schwarze" genannt.
Am Tage des Kriegsausbruches zwischen Jugoslawien und Deutschland, am Palmsonntag des Jahres 1941, wurden deutschstämmige jugoslawische Staatsbürger als Geiseln in der Festung Peterwardein bei Neusatz, serbisch Novisad, inhaftiert. Darunter waren auch 15 Männer aus Bulkes. Am Ostersonntag, kurz vor Kriegsende durften sie wieder nach Hause. Nach der Kapitulation Jugoslawiens am 17. April 1941 wurde das Land aufgeteilt.
Als Belohnung für den Beitritt im November 1940 zum Dreimächtepakt Deutschland, Italien und Japan und der Teilnahme am Jugoslawienfeldzug an der Seite des Deutschen Reiches, erhielt Ungarn die Batschka zurück. Das bisher serbische Buljkes hieß jetzt Bulkeszi. Der jugoslawische Dinar wurde von dem ungarischen Pengö abgelöst. Als 1941 Einberufungen zur ungarischen Armee an ihre neuen deutschstämmigen Staatsbürger ergingen, entzog sich so mancher dem Einberufungsbefehl durch Flucht in das unter deutscher Besatzung zu Jugoslawien gehörende Banat. Die Begeisterung und der Stolz der im Blitzkrieg so siegreichen Armee des Mutterlandes anzugehören war für einige erstrebenswert, sich zur freiwilligen Musterung bei der deutsche Wehrmacht zu melden.
Die Hager Landkriegsordnung, wonach in besetzten Ländern keine Soldaten rekrutiert werden dürfen, umging die Reichsregierung unter Berufung auf das Volksrecht und die Blutsgemeinschaft. Gleiches Volkstum, gleiches Blut bedeuteten für sie auch gleiches Schicksal. Mit dieser selbst gestrickten Auslegung wurden die ungarische, rumänische und kroatische Regierung unter Druck gesetzt um den Zugriff des deutschen Reiches auf deren deutschstämmige Staatsbürger zu erlangen. Zwischenstaatliche Abkommen mit diesen Ländern führten 1942 und 1943 zum erwünschten Erfolg. Jetzt konnten sich deutschstämmige Wehrpflichtige dieser Länder entscheiden, ob sie dem Stellungsbefehl der Armee des jeweiligen Heimatlandes folgen, oder als "Freiwillige" ihre Pflicht in reichsdeutschen Militäreinheiten ableisten wollen. In dem Vertrag vom 14. April 1944 trat Ungarn sogar die Wehrhoheit über seine deutschstämmigen Staatsangehörigen an das Deutsche Reich ab. Der von der Volksgruppenführung ausgeübte Druck, aus "völkischer Pflicht" Freiwilliger zu werden, vertiefte die Kluft in der deutschen Bevölkerung. Neben echten Freiwilligen, gab es des nachbarschaftlichen Friedens willen auch sogenannt gezwungene Freiwillige.
Verweigerer gab es auch. In ihren Lebenserinnerungen schreibt 2001 die Ehefrau eines Bulkeser Maurers, der sich damals weigerte, Freiwilliger zu werden, welchen Repressalien die Familie im Dorf ausgesetzt war. Jude und Kommunist wurde auf die Hauswand geschmiert und an einem Sonntag die Fensterscheiben eingeworfen. Die kleine Tochter durfte mit den Nachbarkindern nicht spielen und auch nicht den Kindergarten besuchen. Solche und ähnlich geartete Repressalien, auch Verfolgungen, waren keine Einzelfälle. Die Solidarität der Dorfgemeinschaft, welche einst den Kolonisten in der Ansiedlungszeit in der Not das Überleben sicherte, wurde jetzt auf dem Altar des neuen Zeitgeistes geopfert.
Die bedingungslose Kapitulation der an deutscher Seite kämpfenden rumänischen Streitkräfte im August 1944, ließ die Südostfront zusammenbrechen. Anfang Oktober kam es in Bulkes zum Aufruf zur Flucht. Die Ungarn als Staatsmacht verließen unauffällig das Land. Bulkes aber, fernab der Hauptverkehrsverbindungen, ohne Zeitungen, auch das Radio blieb stumm, hat nicht wahrgenommen, dass sich bereits die Hälfte der in der Batschka lebenden deutschen Bevölkerung auf der Flucht befand. In den folgenden Tagen entschieden sich neben Persönlichkeiten des Kulturbundes ca. 360 Bulkeser, 14 % der Einwohner, zur FLUCHT (Heinrich Stephan).
Warum sollte man fliehen? Das Leben in dem rein deutschen Provinzdorf Bulkes lieferte den Bewohner keine Argumente zur Flucht. Mit den Bewohnern der Nachbardörfer anderer Nationalitäten bestand ein gut nachbarschaftliches Verhältnis. Mein Großvater entschied, mit der Familie zu bleiben. Mein Vater, 37 Jahre alt, war 6 Wochen zuvor auf der Grundlage des von Ungarn am 14. April 1944 mit dem Dritten Reich abgeschlossenen Vertrages als Wehrpflichtiger zur Waffen SS eingezogen worden. Schließlich hatte man 1918 und 1941 nach verlorenem Krieg, den jeweilige Wechsel zu einem anderen Staat, schadlos überstanden. Warum sollte meine Familie aufgeben, was unser Vorfahre der Ansiedler Johannes Hoffmann, Tischler aus Winterkasten/Odenwald 1786 in Bulkes in Haus Nr. 132 angesiedelt und seine Nachkommen so schwer erarbeitet haben? Mein Großvater gehörte der vierten in Bulkes geborenen Generation des Ansiedlers an. Seine Gutgläubigkeit hatte den Tod meiner nach Russland deportierten Mutter zur Folge, und den schrecklichen Tod meiner Großmutter und meiner kleinen Schwester. Beide sind in Jarek verhungert.
Die zwei im Guerillakrieg 1940 bis 1944 gegen die deutsche Besatzung und im gegenseitigen Rivalenkampf stehenden jugoslawischen Widerstandsbewegungen, die königstreuen Tschetniken und die kommunistischen Partisanen Titos, hatten bereits 1942 in ihren Regierungsentwürfen für das Nachkriegsjugoslawien die Eliminierung der deutschen Minderheiten festgeschrieben. Das Nationalitätenprogramm der im Rivalenkampf siegreich gebliebenen Partisanen sah als Beschluss des "Antifaschistischen Rat für die Volksbefreiung Jugoslawiens", serbisches Kürzel (AVNOJ), vor, die deutsche Bevölkerung zu kollektiven Volksfeinden und Vaterlandsverräter zu erklären. Als Folge sind ihnen die Bürgerrechte zu entziehen, ihr Vermögen ist zu konfiszieren und dem Staate zu zuführen. In seinem 1982 veröffentlichten Buch "Weg und Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien", schreibt der damalige Volksgruppenführer im Banat Sepp Janko, dass dieser Beschluss der Volksgruppenführung bekannt war. In keinen der mir vorliegenden Informationsquellen findet sich den Beweis, wonach dieses Wissen an die Volksgruppe selbst zu einer Zeit, als die Niederlage des Dritten Reiches vorhersehbar war, weiter gegeben wurde. Es bleibt somit eine hypothetische Frage ob mit diesem Wissen die Fluchtbereitschaft der Bulkeser größer geworden wäre oder ob sie darin eine Hiobsbotschaft gesehen hätten.
Die Batschka wurde von der russischen Armee und den Partisanen Titos aus jugoslawischer Sicht zurück erobert, d. h. von Ungarn befreit. Wir gehörten wieder zu Jugoslawien. In den Tagen um den 20. Oktober 1944 kamen auf Panjewagen vereinzelte Gruppen russischer Soldaten nach Bulkes. In ihrem Gefolge erschienen die Partisanen als die neuen Herren. Eine Befreiung war es für uns nicht, wir wurden besetzt.
Während in den slawischen Nachbardörfer der gewohnte Alltagsablauf erhalten blieb, herrschten in Bulkes alle Merkmale, sprich Schanddaten, die bei der Unterwerfung eines Feindes zeitgemäß waren. Dabei waren die Einwohner von Bulkes und den Nachbardörfern Staatsbürger desselben Staates. Zu Raub, Plünderungen und Vergewaltigungen kam es in den folgenden Tagen. Einwohner aus dem slowakischen Nachbarort beteiligten sich, in russische Uniform gekleidet oder in Begleitung eines Rotarmisten, an den Raubzügen. Sie holten sich gezielt in den Ställen das vorbestimmte Raubgut. Als der Pfarrer der Nachbargemeinde von der Kanzel aufrief die Raubzüge einzustellen, nahm das Treiben ein Ende. Bewohner des anderen slawischen Nachbardorfes, waren wenn auch vergebens bemüht, die Ordnung in Bulkes zu erhalten.
In den darauf folgenden Tagen übernahmen die Partisanen die Gemeindeverwaltung. Knechte die zuvor auf den Höfen der deutschen Bauern ihr Brot verdienten, wechselten jetzt auf die Stühle des Rathauses. Verfolgungen, Folterungen, Tötungen und der Freitod eines Verfolgten waren die Fortsetzung des bereits überwunden geglaubten Grausens der ersten Tage nach der Besetzung.
Am 16. November 1944 wurden 140 Bulkeser Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren und drei Frauen auf den Bahngleisen nach Palanka getrieben. Neben den Erschießungen durch die so genannten Aktion Intelligenzija in der folgenden Nacht, gab es auf dem Marsch nach Neusatz am nächsten Tag weitere Bulkeser Todesopfer durch Erschießungen am Straßenrand. Diese willkürlichen Morde und alle folgenden Deportationen hielten wir für vorübergende Exesse Proletarischer Brigaden des Titoregimes. Dass es die Umsetzungen der uns nicht bekannten AVNOJ Beschlüsse waren, ließ das uns noch bevorstehende schreckliche Schicksal nicht ahnen.
Am 4. Dezember 1944 erging an alle Männer und Jugendliche im Alter von 14- 16 und 60-70 Jahren die Aufforderung im Gemeindehaus zu erscheinen. Mit Axt, Säge und Beil ausgerüstet sollen wir im Palanker Akazienwald Holz einschlagen. Für mich, damals 15 Jahre alt, sollte der Marsch auf den Bahngleisen nach Palanka ein Weg ohne Wiederkehr nach Bulkes werden. Meine Internierung im Arbeitslager Palanka beendete ich nach 29 Monaten 1947 mit der Flucht aus dem Sterbelager Gakowo nach Ungarn.
Bis zum 31. Dezember 1944 folgten drei weitere Deportationen in Arbeitslager in Jugoslawien und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Unter Letzteren war auch meine Mutter. Die Restbevölkerung der Gemeinde Bulkes, es waren die Arbeitsunfähigen, Kranken, Alten und Kinder der Gemeinde Bulkes, wurden am 15. April 1945 auf die Viehweide vor dem Dorf getrieben, wo sie die kalte Nacht im Freien verbringen mussten. Am nächsten Tag wurden sie in offenen Schotterwaggons verladen und nach JAREK, (Friedrich Glas) in das "Lager mit Sonderstatus" gebracht. Jarek war eines von 8 zur Vollstreckung des Genozid an der deutschen Bevölkerung Jugoslawiens eingerichteten Sterbelager. Über die Einrichtung des Bulkeser Lagers, der zur Versorgung des Tierbestandes und zur Verrichtung der Feldarbeiten in Bulkes verbliebenen Einwohner, berichtet Frau Margarete Kendl, später verh. Sander, in Meine Letzten Tage in Bulkes.
Während der Tito- und Milosivicära wurde die Wahrheit über das Verschwinden der jugoslawischen Staatsbürger deutscher Abstammung in Jugoslawien hartnäckig verschwiegen. In der staatlich verordneten Fassung wurde uns die Kollektivschuld auferlegt für das Leid der slawischen Bevölkerung während der deutschen Besatzungszeit. In der Homepage von Backi Petrovac wird 2002 in der Geschichte des Ortsteiles Backi Maglic, so heißt heute Bulkes, über unsere Vertreibung aus Bulkes nur drei Sätze geschrieben: …sie stellten sich (die Bulkeser) in die Dienste der ungarischen und deutschen Okkupatoren. Sie blieben in Bulkes bis zum Ende des Krieges und zogen sich teilweise mit den Okkupatoren zurück oder wurden nach Deutschland vertrieben. Das verwaiste Dorf, die Ländereien und das Vermögen wurde nationalisiert.
Keine Bemerkung über das Schicksal der Bulkeser nach der Rückeroberung zu Jugoslawien. Es scheint auch noch im Jahre 2002 die Angst um zu gehen, der über die Jahrzehnte staatlich verordneten Lügenversion zur Wahrheit zu verhelfen. Mit der Ausgabe unserer Homepage auch in serbischer Sprache wollen wir einen Beitrag zur Wahrheitsfindung für die serbische Bevölkerung in Serbien und Montenegro leisten.
Der von der Donauschwäbischen Kulturstiftung München herausgebrachte Buchband "Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien" dokumentiert den Genozid des Titoregimes an den deutschen Staatsbürgern Jugoslawiens. Mit Genugtuung und Dankbarkeit erfüllt uns Bulkeser, dass unser Landsmann Karl Weber, Fußgönnheim, bei der Erhebung der Bevölkerungserfassung und der Gesamtverluste der deutschen Bevölkerung im ehemaligen Jugoslawien federführend mitgewirkt hat. Das Ende der Bulkeser Dorfgemeinschaft und ihre Opferbilanz, ist im Internet auf der Homepage unserer Heimatortsgemeinschaft Bulkes unter der Webseite http://www.hog-bulkes.de/ dokumentarisch erfasst.



Bulkes, Domizil der kommunistischen griechischen Befreiungsarmee ELAS

Im Sommer 1945 zogen in das entvölkerte Dorf 1454 griechische Funktionäre und Kämpfer der kommunistischen Befreiungsarmee ELAS ein. Aus dem ursprünglich vom jugoslawischen Staat zur Verfügung gestellten Sammellager für Erholung suchende Kämpfer des in Griechenland herrschenden Bürgerkrieges, erwuchs eine exterritoriale griechische Gemeinde. Die Einwohnerzahl schwankte ständig. So waren unter den 4023 Einwohnern im Jahre 1946 161 Frauen und 30 Kinder. In den vier Jahren des Bestehens als griechische Gemeinde durchliefen 27 000 Kämpfer, 5000 Verwundete und 22 000 evakuierte Kinder den Ort. Die Einwohner durften Bulkes nicht ohne Genehmigung verlassen. Heime für elternlose Kinder, Krankenhäuser, Schulen, die unteren Klassen eines Gymnasiums, Theater und Handwerksbetriebe wurden eingerichtet. Neben den Schulbüchern und einer Tages- und Kinderzeitung wurden in der Druckerei auch das nur in Bulkes gültige griechische Geld gedruckt. Für Ordnung sorgte eine eigene Polizei. In Bulkes wurde nach griechischem Recht geurteilt. Die in Bulkes auf der Militärakademie ausgebildeten Offiziere wurden über jugoslawisches, albanisches und bulgarisches Gebiet nach Griechenland eingeschleust. Als sich Tito 1948 vom Stalinismus lossagte und seinen eigenen Weg zum Sozialismus verfolgte, kam es unter den griechischen Kommunisten in Bulkes zu ideologischen Meinungsverschiedenheiten. Mord und Totschlag in den Auseinandersetzungen waren der Beginn des Endes der griechischen Gemeinde Bulkes. Die Stalintreuen erhielten 1949 in der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen Asyl. Die ca. 800 in Bulkes verbliebenen wanderten nach Mazedonien aus. Ein kleiner Teil siedelt nach Gakowo und Kruschiwle um. Vier Jahre griechische Gemeinde hinterließen ein zerstörtes Dorf. Mangels Brennmaterial, in und um Bulkes gab es keinen Wald, fällten die Griechen alle einst die Strassen beschattenden Maulbeerbäume, verheizten alle aus Holz gefertigten Tore und Hauszugänge, rissen Nebengebäude ab um die Balken zu verheizen. Das Dorf sah aus wie ein entkerntes Gebäudes.
Bis zur zögernden Neubesiedlung mit jugoslawischen Staatsbürgern im Herbst 1949, diente Bulkes vorübergehend als Straflager für Bauern aus der Umgebung welche ihren Plansoll nicht erfüllten.



Aus Bulkes wird Maglic

Nach der Aussiedlung der Griechen kamen die ersten jugoslawischen Ansiedler aus verschiedenen Gegenden Jugoslawiens. Arbeit fanden sie in der landwirtschaftlichen Kolchose. Die für sie ungewohnten geographischen und klimatischen Verhältnisse, ließen anfangs einen regen Ab- und Zugang registrieren. Aus Heimweh und Erinnerung an die alte Heimat wurde Bulkes 1949 nach dem im Dreiländereck Bosnien, Herzegowina und Montenegro befindlichen Berg Maglic, in MAGLIC umbenannt. Mit der 1953/54 bestehenden Möglichkeit die Häuser vom Staat käuflich zu erwerben, stabilisierte sich der bis dahin in ständiger Bewegung befindliche Besiedlungsprozess. Die unermüdlich in örtlicher Gemeinschaft erbrachten Aufbaumaßnahmen erfüllte die Maglicer mit Stolz als ihr Dorf in einem Wettbewerb 1987 zum zweitschönsten Dorf der Wojwodina gewählt wurde.
Der Bulkeser Heimatausschuss, der in Deutschland lebenden Bulkeser, als Repräsentant der Heimatortsgemeinschaft Bulkes, unterhält keine Beziehungen mit Maglic. Bulkeser die in ihren Geburtsort besuchen werden dennoch sehr freundlich und mit traditionell herzlicher Gastfreundschaft von Vinka Marianovic, Milan Pilipovic und Dušan Knezevic betreut.


Die Wunden der Geschichte heilt die Zeit.
Die Narben, bleiben für immer.

Quellen:
Bulkeser Heimatbuch, Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien, Mitteilungen der Landsmannschaft, Donauschwabenzeitung, Weg und Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien, Donauschwäbische Zeitgeschichte aus erster Hand, Bulkeser Heimatzeitung.

(Heinrich Hoffmann)