Der Hanf,
das weiße Gold der Batschka.


Aus Hanffasern, eine der ältesten Kulturpflanze, wurden bereits im Altertum Fischernetze und Kleidung hergestellt. Der während der Türkenzeit schon bekannte Hanfanbau erhielt in der Batschka neuen Aufschwung durch den 1756 von deutschen Kolonisten aus Süddeutschland mitgebrachten neuen Hanfsamen. Die tiefgründigen Humusböden und das überwiegend kontinentale Klima sind für den Hanfanbau ideale Voraussetzungen. Bis zur Vermarktung oder Eigenverwendung als Rohmaterial waren jedoch viele Arbeitsgänge erforderlich.
Der hohe Nährstoffanspruch des Hanfes an den Boden erfordert eine intensive Bodenvorbereitung. Wiederholtes Ackern und das Einbringen von Stallmist im Herbst, das Düngen mit Kunstdünger vor der Aussaat im Mai waren unerlässliche Voraussetzungen, um einen guten Ertrag zu erzielen. Nach diesem bisher erbrachten Aufwand fielen bis zur Ernte keine weiteren Arbeiten an. Der dichte Wuchs des in guten Jahren bis zu zwei Meter hoch wachsenden Hanfes ließ durch die Beschattung des Bodens kein Unkraut aufkommen. Von dieser natürlichen Unkrautbekämpfung profitierten die nachfolgenden Kulturen und führten zur Erwirtschaftung erhöhter Erträge.
Im August ausgereift, wurde der Hanf mit dem Hanfmesser, einem rechtwinkligen, einer Sichel ähnlichen Handwerkzeug, von Hand kurz über dem Boden geschnitten und in Hanfbündel zum Trocknen zu Haufen von je zehn Bündel aufgestellt. Das Hanfschneiden wurde im Tagelohn meistens von Frauen ausgeführt. Ihr Lohn bestand aus je einem von zehn geschnittenen Bündeln. Nach getaner Arbeit fuhr der Bauer mit der Tagelöhnerin von Haufen zu Haufen, lud je ein Bündel auf den Wagen und fuhr den "Tagelohn" zum Verkauf in die Hanffabrik. Auf diese Weise machte die Tagelöhnerin ihren in Naturalien erhaltenen Lohn zu Bargeld.
Nach dem Schnitt konnte der Bauer den Hanf als Rohprodukt gleich an die Hanffabrik verkaufen. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, dass der Bauer die Verarbeitung des Hanfes der Hanffabrik übertrug und den in Zöpfen gedrehten und in Hanfballen verschnürten Hanf dann selbst verkaufte. Der größte Erlös wurde letztendlich mit der dritten Variante, der eigenen Verarbeitung bis zur marktreifen Rohfaser, erzielt.
Im August oder September wurde der geschnittene Hanf in das Hanfwasser zum Reetzen gelegt. Im Grundloch, einem am Ortsrand gelegenen Teich, wurden die Hanfbündel aneinander gereiht befestigt, mit Lehm beschwert und solange unter der Wasseroberfläche gehalten bis sich die Faser vom Stängel lösen ließ. So wurde der Hanf gereetzt. Wenn dieser Prozess nach ungefähr zehn Tagen beendet war, wurde der Hanf von dem Lehm befreit, die Bündel gewaschen und mit dem Pferdegespann auf das angrenzende Grasgrundstück gefahren. Von Frauen wurden die nassen Hanfbündel aufgeschnitten und zum Trocknen auf der Wiese ausgebreitet. Der getrocknet Hanf wurde erneut zusammen gebunden und auf dem Hofplatz des bäuerlichen Anwesens zu einem Schober aufgeschichtet. Nun war das Hanfbrechen der nächste Arbeitsgang. Obwohl auch diese Arbeit vorwiegend von Frauen im Tagelohn ausgeführt wurde, ging so mancher Bauhandwerker im Oktober, wenn die Bauarbeiten eingestellt waren, mit seiner Frau zum Hanfbrechen. In Handarbeit hat man mit einer aus Holz bestehenden Hanfstulpe in einer Auf- und Abwärtsbewegung des oberen beweglichen Teiles auf den mürben Hanfstängel geschlagen, ihn damit in kleine Teile zerbrochen und die Faser vom Stängel getrennt. Die zerkleinerten Hanfstängel, bulkeserisch Brechoune genannt, erwärmten im Winter als Brennmaterial in dieser holzarmen Region die Stube. Die vom Stängel gelöste Faser wurde im nächsten Arbeitsgang gehechelt. Die Faser wurde büschelweise durch ein mit Nägeln bestücktes Brett gezogen, um sie feiner zu machen und vom "Filz" (=verknoteten Hanffasern)zu befreien. Sie wurde sozusagen gekämmt. Zu Zöpfen gedreht in Hanfballen gebunden kam jetzt der Hanf als Rohmaterial zum Verkauf.
Der ausgehechelte Filz, bulkeserisch "Werg" genannt, wurde zu dickem Garn gedreht und u. a. zu Rossdecken gewoben. Die Rossdecke lag als weiche Auflage auf dem Sitz des Bauernwagens und diente sowohl dem Kutscher als auch den Pferden zum Schutze gegen Kälte und Nässe.
Der Hanf als Rohmaterial fand auch bei der Herstellung von Textilien für den Haushalt vielfältige Verwendung. Er wurde an den langen Winterabenden in der Stube auf den Spinnrädern gesponnen, aufgespult, gehaspelt und in Strängen gelegt zum Leinenweber gebracht. Der Leinenweber spannte die Stränge auf ein Holzgestell, zettelte und stärkte das Garn für den anschließenden Webprozess. So wurden Handtücher in der benötigten Breite gewoben, grobes Tuch aus reinem Hanf für Getreidesäcke und zur Besohlung der selbst gestrickten Hausschuhe hergestellt. Aus einem auf ca. 30 cm hohen Pfählen im Freien gespannten Tuch, das der Sonneneinwirkung ausgesetzt und durch Begießen nass gehalten wurde, entstand ein knitterfreies gebleichtes und weiches Tuch, das zur Verwendung als Handtuch, Bettlaken und Strohsack diente. Der Strohsack wurde nicht mit Stroh, sondern mit dem inneren, dem weichen, unmittelbar den Maiskolben umgebenden getrockneten Bast gefüllt. Natürlich gab es auch schon Matratzen als Unterbett. Das Oberbett, Zudecke, "Tuchent" oder "Bettziech" genannt, wurde mit den über das Jahr gesammelten Daunen der eigenen Gänse gefüllt.
Der Seiler drehte von Hanf Stricke und fertigte vielfältige Gegenstände für den alltäglichen Gebrauch im Haushalt und der Landwirtschaft. So diente eine von Hanf vom Seiler angefertigte Halfterung zum Anbinden von Kuh und Pferd an der Futterkrippe im Stall und zum Führen an die Tränke im Hof. Stricke vom Seiler gedreht, dienten in unterschiedlichen Längen zu vielseitigen Befestigungen im landwirtschaftlichen Alltag. Beim Einbringen der Getreideernte, wurde über den mit Garben auf der Flur hoch beladenen Pferdewagen ein langes, dafür angefertigtes Seil, von vorne nach hinten gezogen, festgezurrt und damit die Ladung auf der Fahrt zum bäuerlichen Anwesen gesichert.
Der zwischen Jugoslawien und Deutschland in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts abgeschlossene Handelsvertrag, ermöglichte den Export des in Deutschland geschätzten hochwertigen Batschkaer Hanfes in großen Mengen. Auf dem alljährlich in dem etwa 30 km von Bulkes entfernten Hanfmarkt in Hodschag konnten die Bauern ihr Produkt zu guten Preisen an die Händler verkaufen. Zu dieser Zeit entstanden die einzigen Industrien des Ortes, die beiden bis 1945 arbeitenden Hanffabriken. In Zeiten der Hanf-Hochkonjunktur hatten die beiden Bulkeser Hanffabriken einen Jahresausstoß von 120 Eisenbahnwagons.

Eine Bulkeser Hanfwasser-Anekdote
Abhängig von dem jahreszeitlich bedingten Arbeitsanfall auf den Feldern und der Witterung musste die Hanfreetze u. U. auf das zeitige Frühjahr verlegt werden. Um den Hanf dauerhaft unter die Wasseroberfläche zu drücken, standen dann die Männer bis zur Brust im Wasser, um den Lehm vom Boden des Grundloches auf die Hanfbündel zu schaufeln. Als der Bauer, der Johannspatt, im Frühjahr seine Leute ins Hanfwasser schicken wollte, machten diese ihn auf das zu dieser Jahreszeit für diese Arbeit noch kalte Wasser aufmerksam. Der gute Johannspatt hielt daraufhin seinen "Hokelstecke", (Gehstock, Spazierstock) ins Wasser und sagte zu seinen Leuten: "Des Wasser is zum Hanfreetze nimmi zu kalt".

(Heinrich Hoffmann)